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Lübeck Missbrauchsprozess: „Schwere seelische Abartigkeit“
Lokales Lübeck Missbrauchsprozess: „Schwere seelische Abartigkeit“
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09:03 15.06.2017
Einer der Männer auf dem Weg in die Verhandlung. Am kommenden Montag werden die Plädoyers verlesen. Quelle: Foto: Lutz Roessler
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Das „Warum?“ stand den gesamten Prozess über im Raum. Warum hat Philipp F. (alle Namen geändert) zusammen mit dem 47-jährigen Mitangeklagten Stefan G. seine eigene Tochter misshandelt, vergewaltigt und das Geschehen auf Video aufgenommen und in Chats verbreitet? Eine konkrete Antwort hat er bisher nicht geben können. Immer nur „ich weiß

„Er ist nicht fähig zu erklären, warum er das getan hat.“ Dr. Wolfram Schreiber, Sachverständiger

nicht“, er könne auch nicht recht erklären, was da mit ihm geschehen sei.

Dr. Wolfram Schreiber, Chefarzt des Psychiatrischen Krankenhauses Rickling und einer von zwei Sachverständigen in diesem Prozess, strich dieses Aussageverhalten am gestrigen Verhandlungstag noch einmal besonders heraus. „Tatsächlich kann er diese Frage gegenwärtig nicht beantworten“, sagte Schreiber. Das liege in seiner Persönlichkeit, beziehungsweise in seiner Persönlichkeitsstörung begründet. Eine kombinierte Persönlichkeitsstörung – dissozial in erster Linie –, die so tiefgreifend ist und noch begleitet wird durch eine Störung der Sexualpräferenz (Paraphilie), dass der Sachverständige den 28-Jährigen für erheblich vermindert schuldfähig befindet.

Die „schwere seelische Abartigkeit“, die eine verminderte Schuldfähigkeit begründen kann, sei bei Philipp F. aus gutachterlicher Sicht klar gegeben. Der Vater des zweijährigen Mädchens sei während des Tatzeitraums nicht wirklich steuerungsfähig gewesen. „Er hat sich in den Videos nicht vermummt, hat verschlüsselte Chats nur genutzt, wenn die Chatpartner das wollten, und ist letztlich entdeckt worden, weil er seine Taten einem völlig Fremden offenbarte“, erklärte Schreiber. Philipp F. sei zwar intelligent, habe es geschafft, seine Partnerin und sein Umfeld zu täuschen, doch wirklich unter Kontrolle habe er sich nicht gehabt.

Auch früher nicht, als er sich als Jugendlicher über das Internet prostituierte, sich anderen Männern als devoter Partner anbot, immer wieder Geld stahl – ohne sich besonders vor Entdeckung zu schützen. Ein Lebenslauf, der den Sachverständigen zu der Prognose führt: Philipp F. könnte es jederzeit wieder tun.„Ich halte den Angeklagten für erheblich gefährlich“, sagte Schreiber – hinsichtlich der Anwendung des Paragrafen 63 Strafgesetzbuch, der die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus regelt, wenn „die Gesamtwürdigung der Tat und des Täters“ ergibt, dass weitere erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind.

Das ist nach Schreibers Ansicht der Fall. Philipp F. sei nach seiner Einschätzung jederzeit in der Lage, „sozial erwünschtes Verhalten“ zu zeigen, doch Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, ginge ihm vollkommen ab. Was hingegen klar vorhanden sei, ist eine sadomasochistische Präferenz und ein Streben nach Machtausübung. „Auch wenn das zuerst widersprüchlich klingt, hat der Angeklagte früh gelernt, in seiner passiven Rolle Macht über seine dominanten Sexualpartner auszuüben“, sagte der Psychiater. Denn wer sich anbiete, könne sich auch wieder entziehen.

Schreiber: „Und indem er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Tochter einem anderen Mann anbot, besaß er eine doppelte Möglichkeit, Macht auszuüben. Zum einen über das Kind selbst, indem er es quälte und demütigte. Zum anderen über den Mann, der es aufgrund seiner pädophilen Neigung missbrauchte.“

 Luisa Jacobsen

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