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Lübeck Mit „Anton“ um die ganze Welt
Lokales Lübeck Mit „Anton“ um die ganze Welt
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19:46 20.05.2017
Ein Lächeln im Gesicht und Fahrrad „Anton“ neben ihr. Von der Untertrave startet Luisa Rische (28) auf ihre große Tour.<QM> Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Jetzt packt mich die Panik doch noch. Zwei Tage bevor ich in Lübeck losfahre, fange ich an zu überlegen. Bin ich völlig verrückt? 50 000 Kilometer, 35 Länder, fünf Kontinente: Die ganze Welt liegt vor mir. Mein einziger Begleiter ist „Anton“. „Anton“ ist mein Fahrrad. Zwei Jahre habe ich für die Weltreise auf zwei Rädern eingeplant. Wiese statt Federbett, Frost statt Heizung, Wasserfall statt Dusche, Natur statt Netflix, Blätter statt Toilettenp . . . Nun ja, ich glaube, der Punkt ist klar geworden.

Zeitdruck habe ich keinen. Alle Leinen sind gelöst: Job gekündigt, Wohnung aufgegeben, Möbel bei Mama abgestellt. Nichts hält mich davon ab, vielleicht irgendwo zu bleiben. Alle Wetten drehen sich meist nicht um die Frage, ob ich zurückkehre, sondern wo auf der Welt ich hängen bleibe. Neuseeland und Kanada stehen hoch im Kurs. Soweit bin ich allerdings noch lange nicht, sondern gerade erst am Start.

Die Idee, so eine Reise zu wagen, spukt mir seit zehn Jahren durch den Kopf. Aber es muss viel passen, um das durchzuziehen, zurückzukehren und die Voraussetzungen zu haben, nach zwei Jahren wieder in den Berufsalltag einzusteigen. Denn es geht nicht darum, für immer auszusteigen, mich von allem abzuwenden und den Sinn meines Lebens zu suchen. Ich habe kein Leben, vor dem ich fliehen müsste – und wer ich bin, weiß ich längst. Diese Reise ist ein Abenteuer, mit einem Anfang und einem Ende. Dazwischen kann alles passieren. Der Weg ist das Ziel. Danach möchte ich wieder ankommen.

Die gewählte Route folgt keinen Kriterien, sondern ist mehr oder weniger aus einem Bauchgefühl heraus zusammengewürfelt. Ich reise durch Länder, die ich unbedingt sehen will und meide Länder, die aufgrund von Krisen unsicher sind. Es kann durchaus passieren, dass mich ein Land nicht hineinlässt, weil ich den Stempel eines anderen Landes im Pass habe. Die meisten Kilometer radle ich, doch auch Flugzeug, Schiff und Zug werden mich manchmal zum nächsten Ziel bringen. Dazwischen zelte ich wild und auf Campingplätzen, bitte Menschen, mein Lager auf ihrem Grundstück aufschlagen zu dürfen, und gönne mir ab und zu den Luxus eines Hostels.

Alles, was ich unterwegs brauche, muss in vier Radtaschen passen, dazu kommen Zelt, Schlafsack und Isomatte. Obwohl ich auf meiner fünften Radtour, die länger als drei Wochen dauert, ziemlich genau weiß, was ich brauche und was nicht, habe ich sicher zu viel eingepackt. Die Grenze zwischen „Was brauche ich wirklich“ und „Worauf kann ich verzichten“ ist fließend und vor allem Ansichtssache. Auf Schlabberhose und Wohlfühlpulli kann ich keine zwei Jahre warten. Gewaschen wird mit der Hand. Was auf jeden Fall auf so eine Reise mit sollte: Tape, Sekundenkleber und Kabelbinder – die Lebensretter in fast allen Situationen. Was ich nicht reparieren kann, also das meiste, wird irgendwie bis zur nächstgrößeren Stadt zusammengeflickt.

Was für ein Mensch kommt auf so eine Idee? Ich bin 28 Jahre alt, Generation „#IrgendwasmitMedien“. Ich bin in Stralsund geboren und in Lübeck aufgewachsen, auf die Dom-Schule und das Johanneum gegangen, und habe meine ersten Schritte als Journalistin in der Lokalredaktion der Lübecker Nachrichten gemacht. Mit 21 bin ich zum Studium nach Konstanz an den Bodensee gezogen und dort bis heute, sieben Jahre später, geblieben. In Konstanz war ich lange Zeit als Freie Journalistin für den Südkurier tätig, habe später im Medienhaus volontiert und schließlich als Redakteurin für die Konstanzer Lokalredaktion gearbeitet.

Ich schreibe, zeichne, fotografiere und filme, bin Sportnarr und Naturfreund, am liebsten auf zwei Rädern, am zweitliebsten auf Boards unterwegs – in den Bergen oder auf dem Wasser. Und ich kann niemandem einen vernünftigen Grund nennen, morgen auf das Rad zu steigen und die Welt zu bereisen. Es ist ein Bauchgefühl, ein Lebenstraum. Es ist die Lust, mich in ein unbekanntes Abenteuer zu stürzen, die Freude am Radfahren, der Wunsch, die Welt zu sehen, andere Menschen und Kulturen kennenzulernen – und das alles mit der Kamera festzuhalten. Es ist das alles zusammen und noch viel mehr, was mich zu dieser Reise bewegt.

Warum ausgerechnet mit dem Fahrrad? Weil es das beste Fortbewegungsmittel ist, um die Welt zu entdecken. Warum kein Sabbatical? Ein halbes Jahr auszusteigen, dann wieder einzusteigen und schließlich wieder auszusteigen – das ist nichts für mich. Warum reise ich allein? Es ist schwierig, einen Partner zu finden, der die Zeit, die Ausrüstung, das Geld, die Motivation und die Bereitschaft mitbringt, sein Leben zwei Jahre lang auf Eis zu legen. Noch schwieriger ist es, jemanden zu finden, mit dem man sich von Tag zu Tag auf eine Route einigen kann. Und allein bin ich sowieso nicht.

Täglich kommen Menschen auf einen zu, die mehr über die Tour erfahren wollen und einen manchmal sogar begleiten.

Bin ich verrückt? Das fragen sich alle. Das frage sicherlich auch ich mich, wenn es losgeht und ich an der Fähre nach Dänemark stehe. Ich versuche mir vor Augen zu führen, was ich vorhabe. Es ist, als würde ich versuchen, mir die Unendlichkeit des Weltraums vorstellen. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Aber ich weiß, worauf ich mich einlasse. Ich denke nicht darüber nach, worauf ich verzichte, sondern was ich erleben werde. Und ein Zurück gibt es immer – mein Zuhause ist schließlich nur eine Entscheidung entfernt. Luisa Rische

LN

Weltreisen liegen voll im Trend

Aussteigen, Rucksack packen, um die Welt reisen – immer mehr Menschen suchen ihr Glück unterwegs. Die Lust, die Welt zu entdecken, scheint unersättlich zu sein. Niemand wartet noch auf die Rente, um sich den großen Traum vom Reisen zu erfüllen. Einige nehmen das Fahrrad, andere sind zu Fuß unterwegs, wieder andere reisen mit Flugzeug oder Zug von Stadt zu Stadt.

Blogs gibt es viele, genau wie WhatsApp-Gruppen, in denen sich Reisende untereinander austauschen und sich Tipps geben. Einer der bekanntesten ist wahrscheinlich Felix Starck, der vor vier Jahren 18000 Kilometer um die Welt radelte, einen Dokumentationsfilm drehte und damit bundesweit für Aufsehen sorgte. Doch er ist längst nicht der einzige. Studien haben ergeben, dass das Reisefieber viele junge Menschen gepackt hat, weil die Zukunft so ungewiss ist. Gleichzeitig ist es leichter denn je, in einer vernetzten Welt auf Weltreise zu gehen.

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