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11:39 15.06.2017
Kasem al-Zien (54, l.), Flüchtling aus dem syrischen Homs, und sein Fahrlehrer Aykut Yildiz (35). Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Wenn sein Leben noch heil wäre, dann wäre Kasem al-Zien noch Arzt und Krankenhausdirektor in Syrien. Er würde mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einem Haus in der quirligen Großstadt Homs wohnen und im Ford mit Automatikgetriebe zur Arbeit fahren. Aber dieses Leben hat der Krieg zerstört. Al-Zien lebt in der Fremde. Mit 54 Jahren ist er Anfänger im Deutschkurs. Sein Diplom und seine Promotionsurkunde nützen ihm wenig. Selbst sein Führerschein gilt in Deutschland nicht. Um ihn umschreiben zu lassen, muss er die komplette Fahrprüfung ablegen, theoretisch und praktisch. Darauf bereitet er sich jetzt in der Fahrschule am Zob vor.

Seit Arabisch als Prüfungssprache zugelassen ist, stürmen Flüchtlinge die Fahrschulen.

Seit Oktober 2016 können Führerscheinkandidaten in Deutschland ihre theoretische Prüfung auf Hocharabisch ablegen. Für Aykut Yildiz (35), Inhaber der Fahrschule, hat sich das sofort bemerkbar gemacht. 40 Prozent seiner Fahrschüler seien inzwischen Syrer oder Iraker. Von denen seien 80 Prozent Männer. Yildiz, Sohn türkischer Einwanderer, ist in der Islamischen Gemeinde in St. Lorenz Nord aktiv. „Die Flüchtlinge kommen zu uns, weil sie von islamischen Vereinen unterstützt werden“, sagt er. „Und wenn du die ersten zehn hast, die zufrieden sind, macht das sofort eine Welle.“

In seiner achten Fahrstunde fährt Kasem al-Zien durch ein Wohngebiet in Stockelsdorf. Blinken, einordnen, rückwärts einparken, alles kein Problem. Warum auch – al-Zien ist 15 Jahre lang in Syrien Auto gefahren. Er weiß auch, dass er nach dem Ortseingangsschild höchstens 50 fahren darf und in einer verkehrsberuhigten Zone nur in Schrittgeschwindigkeit. Einmal nur tritt Yildiz auf die Fahrlehrer-Bremse – als al-Zien sich in einen Kreisverkehr einfädeln will, obwohl von links ein Auto kommt. „Das denen beizubringen, dass das nicht funktioniert, ist echt schwer“, sagt Yildiz. Der Straßenverkehr funktioniert offensichtlich anders in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, mehr mit spontaner Verständigung, weniger durch Regeln. Yildiz hat beobachtet: „Sie haben das Bedürfnis, viel zu bremsen, viel zu gucken. Das bremst den Verkehr ab.“

Vieles sei für ihn ungewohnt, sagt al-Zien. Er lebt erst seit acht Monaten in Deutschland. Al-Zien, der auch Englisch und Russisch spricht, hat schon genug Deutsch gelernt, um die Ansagen des Fahrlehrers zu verstehen und sich in einem Gespräch zu verständigen. Der Fahrlehrer Aykut Yildiz bescheinigt den syrischen Fahrschülern großen Eifer. „Ich habe das Gefühl, dass die schneller lernen. Die haben die Absicht hierzubleiben, das merkt man.“

Für Kasem al-Zien ist an eine Rückkehr in die Heimat nicht zu denken. Er glaubt nicht daran, dass der Krieg bald aufhören werde. Bevor er nach Deutschland kam, brachte er drei Jahre im Libanon zu. Seine Stadt ist eine Trümmerwüste. Sein Haus gibt es nicht mehr, das Krankenhaus, das er geleitet hat, auch nicht. „Früher lebte eine Million Menschen in Homs“, sagt er. „Jetzt noch
100 000.“

Der Führerschein sei für die Flüchtlinge wichtig, sagt Yildiz. „Man redet viel über Integration. Ich finde, der Führerschein gehört dazu. Sie sind dann auf dem Arbeitsmarkt flexibler. Sie können zum Beispiel als Pizzaboten arbeiten.“Er spricht nur ein paar Brocken Arabisch, grundlegende Wörter wie rechts, links, schnell, langsam, rot, grün. Die Schüler müssen ihn auch verstehen, wenn er Deutsch spricht. Die praktische Prüfung können sie nicht auf Arabisch ablegen. Die Durchfallquote sei hoch, sagt Yildiz, und das liege sehr oft an der Sprache. Viele Flüchtlinge hätten große Angst vor der Prüfung. „Zum Teil wollen sie gar nicht losfahren.“ Yildiz schlägt vor, beim Tüv Dolmetscher einzusetzen – oder zumindest die Prüfer zu sensibilisieren. „Das Problem muss irgendwie gelöst werden.“

Deutscher Führerschein für Ausländer

Hocharabisch ist seit dem 1. Oktober 2016 als zwölfte Fremdsprache bundesweit für die theoretische Führerscheinprüfung zugelassen – zusätzlich zu Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Kroatisch, Spanisch und Türkisch.

44 255 Prüfungen in arabischer Sprache sind zwischen 1. Oktober 2016 und 31. März 2017 bundesweit abgenommen worden.

Bestanden haben 59 Prozent – ähnlich wie bei den Prüfungen in englischer oder spanischer Sprache.

Wer einen Führerschein aus dem Ausland hat, kann ihn umschreiben lassen. Wer nicht aus der EU, den USA und einer kleinen Zahl weiterer Länder kommt, muss dafür eine theoretische und eine praktische Prüfung in Deutschland bestehen. Fahrstunden sind nicht Pflicht, aber empfohlen.

 Hanno Kabel

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