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Lübeck Mit der Kettensäge auf dem Vorderkastell
Lokales Lübeck Mit der Kettensäge auf dem Vorderkastell
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22:27 24.09.2013
Der Baum muss ab: Heino Schmarje (l.) und Wolfgang Pose erledigen die nötigen Demontage-Arbeiten. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
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Lübeck

Gewaltig sieht er aus, der neue Klüverbaum der „Lisa von Lübeck“, in rund sechswöchiger Arbeit aus einer 50 Jahre alten Douglasie gefertigt unter der Leitung von Bootsbaumeister Heino Schmarje und mit Hilfe der Jugendbauhütte. Das Holz stammt aus dem Behlendorfer Forst, schneller als erwartet war der Baum ausfindig gemacht worden. Im Juni hatte während der „Sail Den Helder“ vor der niederländischen Insel Texel die russische „Sedov“ das Lübecker Hanseschiff gerammt — und dabei das gesamte Vorderkastell und den Klüverbaum stark beschädigt.

Es ist 10.30 Uhr, als der Kranwagen der Firma Graeser & Zielke am Liegeplatz der „Lisa“ vorfährt. Fast alles ist bereit, der neue Klüverbaum liegt parallel zur Kaikante, der alte ist aus den Halterungen gelöst. Heino Schmarje greift zur Kettensäge: „Weil er so tief gesplittert ist, müssen wir ihn in zwei Teilen rausholen“, erklärt er. Fix ist die Teilung erledigt, die Spitze des Baums wird am Kranhaken befestigt, los geht‘s. Gefährlich pendelt das vielleicht 200 Kilo schwere Stück Holz einmal zurück aufs Vorderkastell, dann legt es Kranführer Andrew Albrecht am Kai ab.

Aber das mit den zwei Stücken Klüverbaum klappt nicht: Als Albrecht versucht, das teils unter Deck ragende Stück Klüverbaum herauszuziehen, hebt sich das Deck des Vorderkastells gleich ein Stückchen an. „Das schafft meine Hydraulik nicht“, ruft er, „und ich kann nicht schräg ziehen, dann springen meine Seile über!“ Die Lösung: Unter Deck wird nochmal ein Stück Baum abgetrennt. Vier Teile des einst 10,30 Meter langen Klüverbaums liegen schließlich am Kai. „Vielleicht sollte man Brotbretter daraus schneiden und sie verkaufen“, scherzt einer.

Und dann ist wieder volle Konzentration gefordert, denn der neue Baum will gut mit Gurten und Seilen festgezurrt sein, bevor der Kran ihn aufs Vorderkastell hebt. Alles geht glatt und viel schneller als der Abbau, nur müssen die Besatzungsmitglieder jetzt unter Deck den am unteren Ende 42 Zentimeter (Durchmesser) dicken Baum in eine Metallschiene schieben. „Passt nicht, der Baum ist zu dick!“, ruft jemand. Heino Schmarje grummelt „passt nicht — wo gibt‘s denn sowas?“ Und siehe da, kaum hat er das ausgesprochen, da schiebt sich der Baum schon in die fußartige Schiene. Jetzt muss er nur noch mit Beschlägen gesichert werden.

Der erste Teil der endgültigen Reparatur des Schiffes wäre also erledigt. Das verzogene Vorderkastell, die Reling und das beschädigte Deck hatten Schmarje und Co. im Sommer nur notdürftig mit preiswerten Hölzern geflickt, damit die Kraweel an der Travemünder Woche und an anderen Veranstaltungen teilnehmen konnte. Und damit keine der gebuchten Fahrten, die Geld für die Instandhaltung des Schiffes in die Vereinskasse spülen, ausfallen musste.

Bis zum Saisonende hält das Team der „Lisa von Lübeck“ sich daran: Am 19. Oktober kehrt das Schiff um 17.30 Uhr durch die Eric-Warburg-Brücke von der letzten Fahrt zurück an den Liegeplatz. „Dann haben wir eine Stunde Zeit, um Hölzer zu verladen, bevor es wieder losgeht“, erklärt Schmarje. Die letzte Brückenöffnung des Tages muss die „Lisa von Lübeck“ erwischen, um noch am selben Abend gen Svendborg zu fahren. Auf der dortigen Werft nehmen die Besatzungsmitglieder erst selbst einige Arbeiten vor, dann lassen sie die Dänen ran. Rechtzeitig zum Winter soll die Kraweel wieder rundum fit in der Heimat sein.

Gewaltiges Rundholz
10,30 Meter lang ist der Klüverbaum der „Lisa“, er wiegt knapp eine Tonne, misst an der Spitze 27 Zentimeter (Durchmesser), am Ende 42 Zentimeter.

Normalerweise werden an einem Klüverbaum dreieckige Vorsegel befestigt, die „Lisa“ hat nur ein Vorsegel mit eigenem Mast. Hier dient der Klüverbaum zum Abstützen des Fockmastes.

Sabine Risch

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