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Lübeck Mitleid ausgenutzt: Betrüger bleibt im Gefängnis
Lokales Lübeck Mitleid ausgenutzt: Betrüger bleibt im Gefängnis
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20:10 23.06.2017
St. Lorenz Nord

Der Betrogene ist nur eine Nebenfigur. Hermann B. (77, alle Namen geändert) sitzt auf dem Gerichtsflur und wartet darauf, dass er als Zeuge aufgerufen wird. Als ihn das Gericht schließlich nach anderthalb Stunden in den Saal bittet, teilt es ihm nur noch mit, dass seine Aussage nicht mehr nötig sei. Kurz darauf wird der Angeklagte Otto F. im Berufungsverfahren wegen Betrugs in fünf Fällen vom Landgericht zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt.

Davon bekommt Hermann B. die 160000 Euro auch nicht zurück, um die er nach eigenen Angaben gebracht wurde. Für den Angeklagten, mehrfach vorbestraft, ist die Sache mit dem gestrigen Urteil vergleichsweise glimpflich ausgegangen. Das Amtsgericht Lübeck hatte ihn vergangenes Jahr zu zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Er legte Berufung ein. Gestern einigten sich Landgericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft hinter verschlossenen Türen nach der Formel: geringere Strafe gegen Teilgeständnis.

Otto F. war mit einem (inzwischen verstorbenen) Komplizen bei Hermann B. aufgetaucht und hatte ihm angeboten, gegen Bezahlung seinen Hof zu reinigen. Ein einfaches Mittel, Kontakt aufzunehmen. Gleich bat F. den Rentner, ihm 1300 Euro zu leihen für Material. Von nun an kam er immer wieder und bat um Geld. Mehrmals ging es um fünfstellige Beträge. Er erzählte von einer Baustelle in Selmsdorf, auf der er arbeite und bis zur Fertigstellung kein Geld erhalte; von gestohlenem Baumaterial, von Mietrückständen, von einem Auto, das er auslösen müsse, von Notlage um Notlage.

Hermann B. wollte helfen. „Mitleid hab’ ich gehabt“, sagt er. „Er sagte, er würde rausgeschmissen werden, wenn seine Frau erfährt, dass er so viele Schulden hat. Dann hängt er sich auf, hat er gesagt.“ Auf Knien und unter Tränen habe F. ihn angefleht. Hermann B. glaubte ihm und vertraute ihm – so sehr, dass er jedes Mal zur Sparkasse ging und Bargeld holte. „Es musste immer ganz schnell gehen.“ Die Beträge ließ er sich formlos auf karteikartengroßen Zetteln quittieren, die F. mit falschem Namen unterschrieb. Rechnungen hat er nie gesehen. Der einzige, angebliche Beweis dafür, dass es die Baustelle überhaupt gäbe, waren Fotos auf F.s Handy.

Hermann B. war zu gutmütig und viel zu vertrauensselig – das weiß er selbst, und er hat dafür einen hohen Preis bezahlt. Aber dass der Verteidiger ihm im ersten Verfahren vor dem Amtsgericht vorhielt, warum er denn auf den Quittungen auch unterschrieben habe – das ärgert ihn immer noch. „Als wenn ich hier der Angeklagte wäre!“

Der Angeklagte Otto F., der in Handschellen vorgeführt wurde, räumte nach dem Deal mit dem Gericht fünf Delikte mit einem Schaden von 70000 Euro ein. Er hat als Untersuchungshäftling schon ein Jahr und drei Monate seiner Strafe verbüßt. Die restlichen sechs Monate wird er absitzen müssen, daran ließ Richterin Gesine Brunkow keinen Zweifel. Eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung komme nicht in Betracht angesichts der Vorstrafen, der laufenden Bewährung und der Tatsache, dass Hermann B.s Geld weg ist. Und zwar, wie Brunkow betonte, „ohne jede Chance, dass er auch nur einen kleinen Teil davon jemals wiederbekommen wird“.

Hanno Kabel

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