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Lübeck Mittelalterliche Lübecker Handschrift in Russland entdeckt
Lokales Lübeck Mittelalterliche Lübecker Handschrift in Russland entdeckt
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11:41 20.04.2016
Die Handschrift wurde im Auftrag des reichen Tuchhändlers Albrecht von Bardewiek angefertigt, der von 1291 bis zu seinem Tod 1333 im Lübecker Rat saß. Quelle: Stadtarchiv
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Lübeck/Jurjewetz

1945, nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, war die 99 Pergamentseiten zählende Prunkschrift offenbar von der sowjetischen Armee abtransportiert worden. „Dort ging die Handschrift dann gänzlich unter“, sagt Jan Lokers, Leiter des Lübecker Stadtarchivs. „Auch im damaligen Sowjetreich wusste in den letzten Jahrzehnten niemand mehr, wo sich der ,Bardewiksche Codex‘ befand und ob er überhaupt noch existierte.“

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Es ist ein kleiner Sensationsfund: Jahrzehntelang galt der „Bardewiksche Codex“, eine Prunkhandschrift des Lübecker Stadtrechts aus dem Jahr 1294, als unwiederbringlich verschollen.

Vor zwei Wochen dann die große Überraschung: Die russische Professorin Natalija Ganina schrieb eine E-Mail an das Stadtarchiv. Darin teilte die studierte Germanistin den deutschen Kollegen mit, dass sie den „Bardewikschen Codex“ in der russischen Kleinstadt Jurjewetz an der Wolga, zwölf Autostunden von Moskau entfernt, gefunden habe. „Wir waren begeistert“, sagt Lokers, „nach einhelliger Fachmeinung in Deutschland und in Russland handelt es sich wirklich um eine einzigartige mittelalterliche Handschrift.“ Im Archiv hatten bis dahin nur ein paar Schwarz-Weiß-Fotografien an die Rechtsschrift erinnert. „Jetzt haben wir Digitalaufnahmen aus Russland bekommen“, sagt der promovierte Historiker. „Der Text war uns bekannt, die Pracht der einzelnen Seiten jedoch nicht.“

Benannt wurde die Handschrift nach ihrem Auftraggeber, dem Lübecker Kanzler und Bürgermeister Albert von Bardewik. „Er gehörte dem Lübecker Rat von 1291 bis zu seinem Tode 1310 an“ sagt Lokers. „Er leitete auch die Ratsschreiberei in Lübeck und war offenbar ein ,Büchernarr‘.“

Neben dem Lübischen Recht — das waren die in Lübeck angewandten Rechtssätze — hat er auch andere Handschriften beauftragt. Und ließ sich deren Anfertigung einiges kosten: So soll er für den nun wiederentdeckten Codex nur die besten Schreiber und erstrangige Künstler beauftragt haben. Auch mit Blattgold wurde das Papier verziert. „Die meisten Initialen fallen durch ihre Feinheit und die Akkuratesse der grafischen Gestalt und Verzierung auf“, sagt Lokers.

Wie viel die Handschrift heute auf dem freien Markt wert ist, kann der Historiker nur schätzen. „Ein Kollege meinte, man könne aber von einigen 100000 Euro ausgehen.“

Wie der Band in die russische Kleinstadt kam, wo er die letzten Jahrzehnte im Kulturhistorischen Museum aufbewahrt wurde, ist bisher unklar. „Offenbar wurde er in den 1970er-Jahren von einem russischen Sammler dem örtlichen Museum übergeben“, sagt Jan Lokers. Wie der Sammler selbst in den Besitz gekommen war, ist unbekannt.

Ihre Entdeckung hat Natalija Ganina bereits in der vergangenen Woche auf einer deutsch-russischen Philologen-Tagung an der Universität Moskau einem deutsch-russischen Fachpublikum vorgestellt. Nach Lübeck wird das Schriftstück allerdings vorerst nicht zurückkommen: Im sogenannten Duma-Gesetz des russischen Parlaments von 1998 wurde Beutekunst zum föderalen Eigentum erklärt. „Eine Rückgabe an das Archiv ist damit, zumindest nach jetziger Gesetzeslage, nicht möglich — beziehungsweise nicht gewollt“, sagt Lokers. Dennoch hoffe er, dass der Codex irgendwann seinen Weg in die Hansestadt zurückfinde.

Dennoch beteilige sich jetzt auch die Lübecker Johann-Friedrich-Hach-Stiftung an der geplanten Restaurierung des Bandes in Moskau. „Die Blätter sind insgesamt aber in einem sehr guten Zustand“, sagt Jan Lokers, „nur der einstige Ledereinband mit Holzdeckel ist nicht mehr vorhanden.“

Von Katrin Diederichs

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