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Lübeck Mumienbinde gerettet
Lokales Lübeck Mumienbinde gerettet
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21:26 16.05.2018
Betrachten vorsichtig die 2300 Jahre alte Mumienbinde aus Ägypten, die nun sorgsam konserviert wurde: Prof. Hans Wißkirchen (v. l.), Kamilla Foitzik, Prof. Renate Kastorff-Viehmann und Restauratorin Eva Kümmel. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
Innenstadt

Es ist ein weißer, sehr flacher und breiter Karton, auf dem eine Warnung steht: „Nur waagerecht transportieren!“ Vorsichtig, mit behandschuhten Händen, löst Eva Kümmel die weißen Bänder des Kartons und entfernt den Deckel. Darunter wird ein braunes Stück sehr brüchigen Leinens sichtbar, das mit schwarzen Hieroglyphen beschrieben ist. Die Ränder sind ausgefranst, kleine Bruchstücke sind auf der Pappe befestigt.

Sie ist 2300 Jahre alt und mehr als zerbrechlich: Die etwa einen Meter lange ägyptische, mit Hieroglyphen beschriebene Mumienbinde, die die Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde restaurieren ließ und jetzt an den Chef der Kulturstiftung, Prof. Hans Wißkirchen, übergab.

Sammlung erweitert

Vor 125 Jahren wurde die Völkerkundesammlung Lübeck begründet. Einen Großteil der Sammlung brachten Lübecker Bürger, oft Kaufleute, von ihren Reisen mit.

1906 erhielt der damalige Direktor Richard Karutz aufgrund seiner guten persönlichen Beziehungen zum Berliner Ägyptologen Hermann Ranke einige Funde, darunter die Mumienbinde.

Teile gingen an insgesamt neun Museen.

Es sind Sprüche aus dem altägyptischen Totenbuch der Tascheritentnaret, „Tochter des Hohenpriesters des Herischef des König der Beiden Länder Anchsematawi, geboren von der Musikantin des Harsphes Tawenschet“. Ein Totenbuch wurde nach der religiösen Vorstellung jener Zeit im Jenseits von den Verstorbenen gebraucht.

Doch wie gelangte das Stück Mumienbinde nach Lübeck? Auf dem Friedhof von Abusir el Meleq, etwa 150 Kilometer vom heutigen Kairo entfernt, entdeckten Forscher 1904 eine weibliche Mumie. Über das Ägyptische Museum in Berlin und die Deutsche Orient-Gesellschaft gelangte ein Teil in die Lübecker Völkerkundesammlung, andere Teile gingen nach Tübingen und Hamburg.

Jahrelang fristete die Mumienbinde – wie so viele andere wertvolle Stücke der Völkerkundesammlung – ihr Dasein im Depot der Sammlung im Zeughaus. Vergangenes Jahr hatte die Leiterin Dr. Brigitte Templin 13 Objekte benannt, die dringend der Restaurierung bedürften. Darunter die jiddische Frauenbibel (die LN berichteten) und ebenjene Mumienbinde. Beides haben mit insgesamt 5650 Euro die Mitglieder der Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde ermöglicht.

Für Diplomrestauratorin Eva Kümmel war die Arbeit an der 2300 Jahre alten Binde spannend und belastend zugleich, „denn das Stück ist wahnsinnig fragil“, sagt sie und räumt ein, „sogar nachts davon geträumt zu haben, was ich sonst eigentlich nicht mache“. In insgesamt 40-stündiger Arbeit löste sie zunächst ganz vorsichtig alte Klebereste, die zu Verhärtungen und später zu Brüchen geführt hatten, von der Leinenbinde, bevor sie lose Partien – soweit möglich – zuordnete und mit Fadenbrücken von der Rückseite sicherte. Eva Kümmel betont: „Es ist eine Konservierung, keine Restaurierung.“

Auch wenn Prof. Renate Kastorff-Viehmann, Vorsitzende der Geographischen Gesellschaft, und Spenderin Kamilla Foitzik jetzt die Binde samt Karton an Prof. Hans Wißkirchen überreichten: Das Teil der ägyptischen Frauen-Mumie wird weiter im Depot lagern. Es sei „ohnehin das Problem der Museen, dass ganz viele Teile in den Depots lagern und nur die Spitze des Eisbergs sichtbar wird“, so Wißkirchen.

Allerdings zeigte er sich „froh und glücklich, dass wir solche Vereine in Lübeck haben, die uns immer wieder unterstützen“. Ob die fragile Mumienbinde jemals in einer Ausstellung zu sehen sein wird, vermag derzeit niemand zu sagen. Das Museum für Völkerkunde wurde 2007 aus Kostengründen geschlossen. Eine Wiedereröffnung wird von der Politik befürwortet, ist aber nach wie vor äußerst vage. Zudem war Leiterin Dr. Brigitte Templin, die die Sammlung mit einem Wert von 80 Millionen Euro jahrelang betreute, im Februar in den Ruhestand gegangen. Immerhin: „Die Stelle wird vom neuen Bürgermeister bald freigegeben. Ich gehe davon aus, dass sie noch in diesem Jahr neu besetzt wird.“

Sabine Risch

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