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Lübeck Nächstenliebe im Becher: Gratis-Kaffee für Bedürftige
Lokales Lübeck Nächstenliebe im Becher: Gratis-Kaffee für Bedürftige
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09:51 01.07.2014
Ingo Schaffenberg und Antje Roepke wollen mit ihrem Café Nazareth in Lübeck vorangehen. Quelle: Peer Hellerling
Lübeck

Premiere in Lübeck: Das Café Nazareth in der Travemünder Allee beteiligt sich als erstes Lokal an der weltweiten Solidaritätsaktion „Suspended Coffee“ (aufgeschobener Kaffee). Damit soll es Bedürftigen ermöglicht werden, kostenlos etwas zu trinken oder gar zu essen zu bekommen. Gleichzeitig appelliert die Aktion an das Gemeinschaftsgefühl der Gesellschaft. „Wir wollen Bedürftigen einen Moment des Dabeiseins geben“, sagt Ingo Schaffenberg, Leiter des Café Nazareth.

Die Idee hinter dem Konzept ist simpel: Jemand kauft sich im Lokal einen Kaffee, zahlt allerdings für zwei oder gar mehr. Die überzähligen Tassen sind aufgeschoben, die Bons dafür kommen in ein Glas und können anschließend von Bedürftigen eingelöst werden. In Deutschland gibt es bereits etwa 70 Cafés, die bei der Aktion „Suspended Coffee“ mitmachen, darunter in Köln, Berlin, Hamburg, aber auch in Kiel und Bad Segeberg. Das Konzept selbst ist bereits mehr als 100 Jahre alt und stammt aus Italien. Über die USA fand die Aktion letztlich ihren Weg auch nach Deutschland.

Schaffenberg ist durch die sozialen Netzwerke Twitter und Facebook auf „Suspended Coffee“ aufmerksam geworden. „Ich war überrascht, dass es das in Lübeck noch nicht gab.“ Also entschloss sich das Café Nazareth kurzerhand mitzumachen. Das übergeordnete Pflegezentrum Travemünder Allee (PZTA) ist bereits Anlaufstelle für sozial nicht allzu Gutgestellte. „Deshalb haben wir sofort unsere Unterstützung zugesagt“, sagt Geschäftsführerin Antje Roepke. Zum Auftakt spendete ihr Team zehn „aufgeschobene“ Eisbecher. Im Café Nazareth kann grundsätzlich alles auf der Speise- und Getränkekarte gespendet werden, einzig Alkohol und Tabak sind tabu.

Zustimmung zur Aktion des Café Nazareth kommt auch vom Café Wut (Warm und trocken), ebenfalls eine Begegnungsstätte für Bedürftige. „Es ist eine super Ergänzung zu unserem Angebot“, sagt Anke Timmermann-Grell. „Es hilft, die Ärmeren ein Stück aus ihrer Einsamkeit zu holen.“ So ließe sich ganz leicht das subjektive Empfinden steigern, „dass man noch dazugehört“. Timmermann-Grell hofft, dass der Vorstoß des Cafés an der Travemünder Allee viele Nachahmer findet in der Hansestadt.

Das ist auch Schaffenbergs Ziel. „Wir haben in Lübeck ein Armutsproblem.“ Das zeige etwa der aktuelle Armutsbericht, danach lebten 2012 etwa 33 000 Hansestädter von Hartz IV — und 8800 Rentner haben weniger als 400 Euro im Monat (die LN berichteten). Die Sorge, dass die Lage an der Travemünder Allee eventuell zu abgelegen sei, teilt er nicht. „Die Straße ist eine Hauptverkehrsader und zugleich mitten im Quartier“, sagt Schaffenberg. „Suspended Coffee“ müsse sich allerdings natürlich erst herumsprechen, sowohl bei den Bedürftigen als auch bei den Helfenden. Deshalb setzt er auf Mundpropaganda der etablierten Einrichtungen wie etwa des Café Wut, will aber auch selbst „Klinken putzen“ im Stadtteil, wie Schaffenberg sagt.

PZTA-Chefin Antje Roepke sieht den Standort sogar als Vorteil. „Unser Café ist kein übertrieben schickes wie zum Beispiel manches in der Innenstadt“, sagt sie. Dadurch sinke die Hemmschwelle, sich einen kostenlosen Kaffee abzuholen. „Man wird nicht stigmatisiert.“ Am Eingang weisen Aufkleber und eine große Kreidetafel mit den noch verfügbaren „aufgeschobenen“ Kaffees auf die Aktion hin. Alle sind gespannt, wie es angenommen werden wird. Timmermann-Grell hält allein schon den Vorstoß für großartig: „Endlich wird nicht nur geredet, sondern auch gemacht.“

Die Idee

195 Orte auf der Welt beteiligen sich laut Internetseite coffeesharing.com bereits an der Aktion „Suspended Coffee“. Ursprünglich stammt die Idee aus Neapel und ist mehr als 100 Jahre alt. Dort heißt das Ganze „Caffè sospeso“.
Zu weltweiter Bekanntheit gelangte die Initiative 2013 durch den Iren John Sweeney und die Amerikanerin Tracey Hennessey. In Deutschland existiert „Suspended Coffee“ ebenfalls seit vergangenem Jahr, weitere Infos unter www.suspendedcoffeegermany.de.

Peer Hellerling

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