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Lübeck Neue Studie: Lübeck braucht sogar 6000 neue Wohnungen
Lokales Lübeck Neue Studie: Lübeck braucht sogar 6000 neue Wohnungen
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11:12 16.09.2017
„Wir haben ausreichend Flächen für den Bau von 4100 neuen Wohnungen.“Joanna Glogau, Bausenatorin
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Lübeck

Unter dem Titel „Wohnraum für alle – wie schaffen wir das?“ hatte die GAL-Fraktion Experten von Land, Stadt, Mieterverein und Wohnungswirtschaft geladen. Der GAL-Baupolitiker Carl Howe kritisiert, dass am Falkendamm, an der Wasserkunst und am Stadtgraben „Wohnungen für Wohlhabende entstehen, aber für bezahlbaren Wohnraum in Lübeck wenig Platz ist“. Bausenatorin Joanna Glogau (parteilos) und Wirtschaftssenator Sven Schindler (SPD) zeichneten ein anderes Bild. „Wir haben ausreichend Flächen für 4100 neue Wohnungen“, beruhigte Glogau.

Bis Ende 2017 schafft die Stadt Baurecht für 1250 Wohnungen, in den Jahren 2018 bis 2020 für weitere 2870. Von den rund 4100 geplanten Einheiten sind 800 Sozialwohnungen. Die Bürgerschaft habe mit der Verbilligungsrichtlinie – Lübeck verkauft Grundstücke deutlich günstiger an Investoren, wenn die darauf Sozialwohnungen bauen – und der Quote von 30 Prozent für Sozialwohnungen in Neubaugebieten wegweisende Beschlüsse gefällt. Die Stadt werde Ende November eine aktualisierte Wohnungsstudie vorlegen, die die Empirica-Erkenntnisse mit einarbeitet, verkündete Glogau.

Wirtschaftssenator Schindler bestätigte, dass trotz aller Bemühungen „Wohnungen in allen Größen und Preisklassen fehlen“. Die Zahl der Einwohner sei in den vergangenen fünf Jahren stärker gewachsen als vorhergesehen – unter anderem durch die Flüchtlingszuwanderung. Aber auch die Zahl der Ein-Personen-Haushalte nehme immer mehr zu. „Das sind heute schon 51 Prozent“, rechnete Senator Schindler vor – Tendenz stark steigend. Die Stadt habe daher die Wohnungswirtschaft stets ermuntert, „zu bauen, zu bauen, zu bauen“.

Das habe man auch getan, versicherten Stefan Probst vom Lübecker Bauverein und Matthias Rasch von der Grundstücksgesellschaft „Trave“. Der Bauverein habe seit 2000 genau 665 Sozialwohnungen neu gebaut oder modernisiert. „Mehr zu bauen, geht gar nicht“, erklärte Rasch, „das schafft die Bauwirtschaft einfach nicht.“

Die Chefs von Bauverein und „Trave“ betonten erneut, dass „unsere Mieten preisdämpfend auf den Markt wirken“. In den 8300 Wohnungen der „Trave“ leben rund 20000 Menschen. Die Durchschnittsmiete betrage 5,17 Euro kalt pro Quadratmeter, berichtete Rasch. Nur 1200 von 8300 Wohnungen hätten eine Miete über 5,65 Euro – das ist der Preis, der für eine moderne Sozialwohnung fällig wird. In den 5535 Wohnungen des Bauvereins leben rund 12000 Lübecker. 70 Prozent der Mieten seien günstiger als 5,65 Euro, sagte Vorstand Probst.

Das klingt nicht nach Wohnungsnot in Lübeck. Aber die städtische Wohnungsgesellschaft und die großen Genossenschaften bilden nur einen Teil des Marktes. In der Hansestadt gibt es 116000 Wohnungen. Seit 2012 seien die Mieten in Lübeck um durchschnittlich 9,6 Prozent gestiegen, rechnete Thomas Klempau vom Mieterverein vor. „Das hat es seit 1993 nicht gegeben.“ Kleine Wohnungen bis zu 50 Quadratmetern seien sogar um bis zu 29 Prozent teurer geworden. Die Zahl der Bürger, die auf staatliche Unterstützung angewiesen seien, sei seit 2012 von 36000 auf 41500 gestiegen, die Zahl der Sozialwohnungen dagegen um 2500 auf 7900 gesunken. Laut Mieterverein benötige Lübeck 12000 Sozialwohnungen.

„Wir brauchen mehr geförderte Wohnungen“, bestätigte Maik Krüger vom Kieler Innenministerium, „das Problem ist nicht das Geld.“ 760 Millionen Euro stelle das Land für geförderten Wohnungsbau zur Verfügung, 8000 Wohneinheiten seien landesweit geplant. „Aber uns fehlen die Partner beim Wohnungsbau“, sagte Krüger – Investoren, Bauherren, die private Wohnungswirtschaft. Krüger sagte voraus, dass sich die Lage erst in ein paar Jahren ändern werde: „Wir brauchen einen sehr langen Atem.“

Der andere Weg

Eine 100 Jahre alte Villa in St. Jürgen, 500 Quadratmeter Wohnfläche, 15 Bewohner: Die Freie Hütte Lübeck ist ein selbstverwaltetes Wohnungsprojekt und gehört der Bewegung des Mietshäuser-Syndikats an. Das Syndikat hilft den Bewohnern bei Kauf und Sanierung des Objekts und stellt sicher, dass das Haus niemals verkauft wird. Das berichtete Ralf Hartwig auf der GAL-Veranstaltung: „Ziel ist guter, bezahlbarer Wohnraum für alle, es sollte viel mehr solcher Häuser geben.“

Die Mieter der Freien Hütte zahlen 6,20 Euro kalt pro Quadratmeter.

 Kai Dordowsky

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