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Lübeck Neue Wege mit alten Büchern
Lokales Lübeck Neue Wege mit alten Büchern
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09:01 04.03.2018
Schön soll es aussehen: Auf zeitgemäße und ansprechende Präsentation seines Bestandes legt Inhaber Jörg Tautenhahn in seinem Antiquariat größen Wert. Quelle: ULF-KERSTEN NEELSEN
Lübeck

Jörg Tautenhahn, Antiquariatsinhaber, räumt auf mit Klischees. Die wären erstens: Ein Antiquariat ist eine dunkle Stube, in der sich unübersichtlich staubige Bücher stapeln. Zweitens: Antiquarische Bücher sind teuer. Und drittens: Bücher interessieren keinen mehr.

Im Antiquariat Tautenhahn in der Lübecker Altstadt schätzt man Kostbarkeiten aus der Vergangenheit und setzt bei ihrer Präsentation auf Modernität und Ästhetik. Der Raum im Erdgeschoss ist hell, übersichtlich und einladend. Auf 200 Quadratmetern stehen gut 10 000 Bücher. In einem externen Lager werden noch einmal 20 000 bis 25 000 Exemplare aufbewahrt.

Vor einem halben Jahr ist Jörg Tautenhahn von der Untertrave ins restaurierte denkmalgeschützte Haus an der Beckergrube, Ecke Siebente Querstraße umgezogen. Die Säulen, die das Antiquariat jetzt optisch gliedern, sind Originale aus der Zeit, als der Raum noch als Lagerhalle diente. Prall gefüllte Regale ringsum an den Wänden. Ein großer Holztisch mit gedrechselten Beinen, auf dem Grafiken und Bücher angeboten werden, und eine Leseecke laden zum Stöbern und Verweilen ein. Manche Kunden verirren sich in die vermeintliche Buchhandlung auf der Suche nach einer Neuerscheinung. „Das nehme ich als Kompliment“, sagt der gebürtige Schwabe aus dem Hochschwarzwald. Die Schaufenster gestalten die Mitarbeiterinnen Renate Andresen, Fachfrau für die Grafikabteilung, und die Buchhändlerin Susanne Danker.

Im Antiquariat werden nicht nur Bücher vom Mittelalter bis zur Neuzeit angeboten, sondern auch Grafiken: Stiche, Lithographien, Zeichnungen und Landkarten. Jörg Tautenhahn: „Aber der Löwenanteil sind Bücher – zwei Drittel Buch, ein Drittel Grafik“, präzisiert er. Weder ein Buch noch eine Grafik aus dem Antiquariat müsse zwangsläufig teuer sein. „Schnäppchen sind drin“, sagt der Bücher-Liebhaber. Als Beispiel nennt er einen Holzschnitt von Sebastian Münster aus dem Jahr 1550, der für 50 Euro zu haben ist. Bei den Büchern kann man schon ab einem Euro fündig werden, wenn man etwa an den typografisch auffälligen Bändchen vom Insel-Verlag Gefallen findet. Die dünnen Exemplare in Taschenbuchgröße sind in Pappe gebunden und mit grafisch schön gestalteten Überzugspapieren versehen. „Natürlich gibt es auch Exemplare, für die man dreistellige Summen ausgeben muss,“ sagt der Fachmann.

Jörg Tautenhahn, der seine persönliche Begeisterung für Bücher zum Beruf gemacht hat, sagt: „Bücher, die mich ansprechen, müssen nicht alt sein, aber sie dürfen es durchaus.“<EM>Sein Lieblingsobjekt, das er am liebsten gar nicht hergeben möchte, ist allerdings mehrere hundert Jahre alt und in einem erstaunlich guten Zustand: eine Heiligengeschichte von 1577. Das dicke, schwere Buch ist in Schweinsleder gebunden und mit kunstvollen Prägungen und zwei Schließen aus Metall verziert.

Obwohl Jörg Tautenhahn sich als „überzeugten Generalisten“ bezeichnet und eine Spezialisierung ablehnt, gibt es eine umfangreiche Lübeck-Abteilung – „weil diese Stadt Künstler hervorgebracht hat, die ich sehr schätze“. Auf einem Holzstich von Friedrich August von Kaulbach von 1890 ist im Faschingskostüm Katja Pringsheim zu sehen, die spätere Ehefrau von Thomas Mann.

Tautenhahn hat schon immer viel gelesen, „auch Comics als Jugendlicher“. Nach dem Abitur ging er zur Marine und studierte anschließend auf Lehramt in Flensburg. 2002 eröffnete er einen Versandbuchhandel, 2004 sein erstes Geschäft in der Schwartauer Allee, 2007 zog er an die Untertrave und im vergangen Sommer an die Beckergrube. „Im Vergleich zum Anfang hat sich die Betriebsgröße verdreifacht“, berichtet er – im Herbst fängt sein siebenter Mitarbeiter an.

Spricht diese Erweiterung dafür, dass viele Menschen nach wie vor Interesse an Büchern haben? Dazu mutmaßt Tautenhahn: Buchliebhaber, die in ein Antiquariat kommen, seien heutzutage nicht in erster Linie am Inhalt interessiert. Denn Texte könne sich zum Leidwesen der Buchhändler jeder digital besorgen. Ihm und seinen Kunden gehe es um die Ästhetik, um die Haptik, um das Sinnliche.

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