Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Neuer Lübecker IG Metall-Chef will „klare Kante zeigen“
Lokales Lübeck Neuer Lübecker IG Metall-Chef will „klare Kante zeigen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 19.03.2016

Nein. Rickers und ich haben in den vergangenen Jahren viel zusammengearbeitet. Jetzt gilt es, die IG Metall Lübeck-Wismar weiterzuentwickeln. Das wird meine Hauptaufgabe.

Daniel Friedrich wurde mit über 98 Prozent Ja-Stimmen zum neuen Bevollmächtigten gewählt. Quelle: Maxwitat

Die Zahl der Betriebe in der Metall-Industrie ist in den letzten Jahrzehnten in der Region Lübeck drastisch zurückgegangen. Befürchten Sie nicht, dass Ihnen die Gewerkschafter abhanden kommen?

Friedrich: Keineswegs. Wir haben eine stabile Zahl an Eintritten. Wir verlieren gegenüber dem Vorjahr gerade etwa ein Prozent Mitglieder.

Immerhin ist das ein Verlust...

Friedrich: Eine wesentliche Aufgabe wird es sein, wieder einen Mitgliederzuwachs zu erreichen. Das können wir schaffen. Wir müssen neue Beschäftigtengruppen erreichen.

Unser Weg dabei ist ein größeres Mitspracherecht der Mitglieder. Die Beschäftigten sollen entscheiden, welche Wege eingeschlagen werden, um bessere Tarifverträge und Arbeitsbedingungen zu erreichen.

Wir organisieren Hilfe zur Selbsthilfe.

Aber wie gelingt es Ihnen, den Ingenieur davon zu überzeugen, der IG Metall beizutreten?

Friedrich: Wir müssen ihn vom Mehrwert durch den Beitritt überzeugen. Und dieser Mehrwert heißt Solidarität. Die Arbeitnehmer müssen aus der Zuschauerrolle heraus, wenn sich Arbeitsbedingungen und -abläufe verändern. Wir drängen darauf, dass in Unternehmen nicht nur Kosten auf Kosten von Mitarbeitern eingespart werden. Auf sich allein gestellt können Arbeitnehmer das nicht durchsetzen. Die Stärke der IG Metall ist ihr hoher Organisationsgrad.

Und das überzeugt?

Friedrich: Ich denke schon. Die Zahl der Angestellten unter den IG Metall-Mitgliedern wächst. Da sind wir auf einem guten Weg. Wir wollen den Einzelnen noch direkter ansprechen, ihn zum aktiven Handeln einladen.

Wie hoch ist der Angestelltenanteil bei den IG Metall-Mitgliedern?

Friedrich: Knapp 14 Prozent der rund 9000 Mitglieder der IG Metall Lübeck-Wismar sind Angestellte. Auch bei den jungen Leuten haben wir jetzt mehr Mitglieder als noch vor vier Jahren. Die IG Metall muss künftig passgenau auf die einzelnen Berufsgruppen — von der Schichtarbeiterin bis zum Controller — mit ihren unterschiedlichen Anforderungen reagieren; Stichwort:

Arbeitszeit. Da reicht eine Antwort nicht.

Aber wenn Unternehmen Arbeitsplätze abbauen, oder Arbeitsabläufe drastisch verändern, dann ist das nahezu unvermeidbar.

Friedrich: Da müssen wir klare Kante zeigen und um Alternativen ringen. Viele Firmen machen es sich da zu leicht.

Wie ist die Lage der Metall-Industrie in der Region Lübeck?

Friedrich: Stabil. Erfolgreich. Wir haben zahlreiche Unternehmen, die sehr gut dastehen, wie zum Beispiel Gabler Maschinenbau und Nordischer Maschinenbau Baader. In Raum Lübeck haben wir Unternehmen mit einer sehr starken Umsatzentwicklung.

Aber die Branche befindet sich unbestritten in einem sehr starken Wandel.

Friedrich: Gewiss. Die Zahl der Betriebe in der Region Lübeck, die produzieren und fertigen, ist zurückgegangen. Die Zahl von geringer qualifizierten Mitarbeitern sinkt.

Dafür haben wir stabile Bereiche in Forschung, Entwicklung und Konstruktion. Und in der Produktion haben wir eine enorme Produktivitätsentwicklung. Es gibt immer mehr Maschinen, die immer mehr machen können und Arbeitskräfte ersetzen. Im Gegenzug wächst der Personalbedarf in den Bereichen Verwaltung und Entwicklung.

Was kann die IG Metall den Menschen denn außer Tarifverträgen bieten?

Friedrich: Tarifverträge sind das Elementare. Überall dort, wo es keine Tarifbindung gibt, haben die Arbeitnehmer weniger Geld, gibt es weniger Ausbildungsplätze, sind die Jobs unsicherer. In Zukunft wird es darum gehen, den Mitgliedern den besten Service zu bieten. Das heißt für die IG Metall: umfassende Beratung in allen Lebensbereichen — über Qualifizierungsmaßnahmen, Elternzeit oder neue autonome Arbeitszeitmodelle, zum Beispiel das Arbeiten von zuhause aus. Was wir verhindern wollen, ist, dass die „mobile Arbeit“ zu einer Erhöhung der Arbeitszeit und einer Leistungsverdichtung führt. Das kann nicht in unserem Interesse sein.

Wie wollen Sie das verhindern?

Friedrich: Es bleibt die Grundfrage: Wie organisieren die Menschen künftig ihre Arbeit? Und diese Fragen kann man nicht mit Tarifverträgen der 1970er Jahre beantworten. Wir müssen einen tragbaren Rahmen für Flexibilität und selbstbestimmtes Arbeiten schaffen. Der Industrie-Ethos, der auf Kontrolle und Befehlen basiert, muss ein Ende haben.

Zur Person

ist gebürtiger Kölner. Seit 2000 lebt der 40-Jährige in Lübeck. Der Gewerkschafter ist verheiratet und hat eine Tochter. Friedrich, der gestern in Lübeck als IG Metall-Bevollmächtigter zum Nachfolger von Thomas Rickers gewählt wurde, war zuvor zwölf Jahre lang in Hamburg Tarifsekretär der IG Metall und damit verantwortlich für die Tarifpolitik seiner Gewerkschaft in Norddeutschland.

Von Interview: Torsten Teichmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Partei- und Fraktionsführung mussten die Absprachen mit der Konkurrenz auf dem gestrigen Kreisparteitag verteidigen — Rother mit 93 Prozent wiedergewählt.

19.03.2016

Es geht nicht weiter. Ein schwarzer Mercedes-Bus mit Berliner Kennzeichen parkt mitten in der Fleischhauerstraße. Der Fahrer ist verschwunden.

19.03.2016

Bürger sorgen bei der Aktion „Sauberes Lübeck“ für eine ansehnliche Stadt. Unterstützt wurden sie von der Feuerwehr. Die Einsatzkräfte tauchten in der Trave nach Müll und brachten dabei einiges zu Tage.

20.03.2016
Anzeige