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Lübeck Neuer Schulstreit: Braucht Lübeck mehr Oberstufen?
Lokales Lübeck Neuer Schulstreit: Braucht Lübeck mehr Oberstufen?
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13:43 13.08.2016

„Lübeck ist mit seinen unterschiedlichen Wegen zum Abitur bereits gut aufgestellt“, erklärt die Kreisvorsitzende und Bildungsexpertin Anette Röttger, „diese bewährten Angebote sollten wir stärker in den Fokus nehmen, bevor wir an anderer Stelle Neues erfinden.“

 

„Das ist der falsche Weg in Richtung Einheitsschule mit immer größeren Einheiten.“Anette Röttger (CDU-Schulexpertin)

Röttger reagiert auf ein Schulentwicklungsgutachten des Bonner Beratungsunternehmens Biregio, das im Juni im Schulausschuss der Bürgerschaft vorgestellt wurde. Gutachter Wolf Krämer-Mandeau empfiehlt der Stadt, eine weitere Oberstufe an einer Gemeinschaftsschule oder sogar ein Oberstufenzentrum zu schaffen. Wahlweise könne auch über ein zusätzliches Gymnasium diskutiert werden, um den „Abitur-Druck“ aufzufangen. Lübeck sei eine wachsende Großstadt, die Zahl der Schüler nehme zu. Biregio nennt eine gemeinsame Oberstufe für die Albert-Schweitzer-Schule, die Schule an der Wakenitz, die Emanuel- Geibel-Schule und die Willy- Brandt-Schule als denkbar. „Grundsätzlich haben die Vertreter der Eltern die Einrichtung zusätzlicher Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen begrüßt“, erklärt der Bildungsforscher.

Biregio gehe mit solchen Überlegungen den falschen Weg „in Richtung Einheitsschule mit Lernen in immer größeren Einheiten“, kritisiert Anette Röttger. Neun Gemeinschaftsschulen hätten im März 2015 mit drei Berufsschulen ein „breites Bündnis für den Weg zum Abitur“ abgeschlossen. Die Emil-Possehl-Schule, die Dorothea-Schlözer-Schule und die Friedrich-List-Schule nehmen die Schulabgänger aus den neun Gemeinschaftsschulen auf und führen sie an ihren beruflichen Gymnasien zum Abitur. „Die Hansestadt hat damit eine breite Profilauswahl für die Schüler anzubieten“, erklärt die CDU-Schulpolitikerin. Dieses Angebot sei individuell, differenziert und passgenau.

Diese Kooperationen seien nur Absichtserklärungen und rechtlich nicht bindend, wenden SPD-Politiker ein. Ein Schüler, der im fünften Jahrgang auf eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe wechsele, könne nicht sicher sein, dass diese Kooperation mit einer Berufsschule auch Jahre später noch gelte. Jörn Puhle, bildungspolitischer Sprecher der SPD: „Die Eltern wollen aber Rechtssicherheit.“

Anmeldezahlen würden belegen, dass es „eine starke Nachfrage nach Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe“ gebe, sagt Puhle. Idee der SPD: Statt an mehreren Gemeinschaftsschulen neue Oberstufen einzurichten, könnte ein gemeinsames Oberstufenzentrum für mehrere Schulen geschaffen werden. Darüber führen die Lübecker Sozialdemokraten bereits Gespräche mit der Landespartei. Denn, so Puhle, für ein Oberstufenzentrum müsste das Schulgesetz geändert oder eine Verordnung beschlossen werden. Diese Überlegung eines Zentrums für mehrere Gemeinschaftsschulen wird auch in der Schulverwaltung diskutiert – sowohl bei den Fachleuten von Bildungssenatorin Kathrin Weiher (parteilos) als auch unter den Schulräten. Weiher hat bereits öffentlich geäußert, dass sie sich langfristig ein solches Angebot in der leerstehenden, ehemaligen List-Schule in der Schwartauer Allee vorstellen könnte.

„Drei bis vier weitere Oberstufen braucht Lübeck noch“, sagt der Kreisvorsitzende der Lehrer-Gewerkschaft GEW, Sven Quirder. Die sollten an Schulen eingerichtet werden, „die an strategisch guten Standorten liegen, damit die Schüler nicht so weit fahren müssen“. Den Standort der ehemaligen List-Schule lehnt die GEW ab. Die Lehrer-Gewerkschaft fordert von Bildungssenatorin Weiher, dass sie endlich eine fundierte Schulentwicklungsplanung vorlege und nicht nur Ergebnisse aus dem Gutachten zitiere. Diese Planung müsse dann mit Bürgern, Lehrerverbänden, Gewerkschaften und Schulen breit diskutiert werden.

Elf Gemeinschaftsschulen ohne Abitur

661 Schüler erwarben 2015 an Gymnasien, Abendgymnasium und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe ihr Abitur. Dieses Jahr sind es wegen des doppelten Abiturjahrgangs deutlich mehr, amtliche Zahlen dazu liegen noch nicht vor. Mittlerweile wird jedes dritte Abitur laut Bildungsbericht der Hansestadt an einer berufsbildenden Schule abgelegt.

400 Schüler bewarben sich für das bevorstehende Schuljahr um einen Platz an einer der drei Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe (Baltic- Schule, Prenski-Schule, Gemeinschaftsschule St. Jürgen). Unter den elf Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe waren die Emanuel-Geibel-Schule und die Schule Tremser Teich so begehrt, dass sie Absagen erteilen mussten. Mehrere Gemeinschaftsschulen hatten im Anmeldeverfahren noch etliche Plätze frei. Kooperationen mit Berufsschulen haben die Albert-Schweitzer- Schule, die Geibel-Schule, die Schule Tremser Teich, die Schule am Meer, die Schule an der Wakenitz, die Gotthard-Kühl-Schule, die Julius-Leber- Schule, die Heinrich-Mann-Schule und die Willy-Brandt-Schule abgeschlossen.

723 Schüler nehmen die Gymnasien im neuen Schuljahr auf.

 Kai Dordowsky

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