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Lübeck Neues Frühwarnsystem sagt Starkregen voraus
Lokales Lübeck Neues Frühwarnsystem sagt Starkregen voraus
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11:55 30.07.2015
Heute rechnet eine Software aus, wann und wo in Lübeck Starkregen heruntergeht. Früher waren Meteorologen auf den Messbecher angewiesen, den Dr. Thomas Einfalt (56), Inhaber von „hydro & meteo“, in der Hand hält. Quelle: Thorsten Wulff
Lübeck

Am 5. Mai fegte das Sturmtief „Zoran“ durch die Hansestadt. Orkanartige Böen zogen eine Schneise der Verwüstung von der Altstadtinsel über den Nordlandkai bis zum Priwall. Am Nordlandkai knickte ein 120-Tonnen-Kran um. Holstentor und Heiligen- Geist-Hospital liefen voll Wasser. „Von diesem Sturmtief wussten wir zwei Stunden vorher schon“, sagt Dr. Thomas Einfalt, Geschäftsführer der „hydro & meteo“ im Haus der Wissenschaft. „Die Feuerwehr erhielt erst fünf Minuten vorher eine Warnung vom Deutschen Wetterdienst.“ Das kommt in Zukunft nicht mehr vor. „Hydro & meteo“ haben ein Frühwarnsystem für Starkregen entwickelt. Einfalt: „Mitte Mai haben wir das System scharfgeschaltet.“

Die Wetterforscher aus der Breiten Straße nutzen dafür die Daten des Wetterradars des Deutschen Wetterdienstes, die alle fünf Minuten gemessen werden. Die Firma von Einfalt hat eine Software entwickelt, die die Messungen entgegennimmt und Vorhersagen berechnet. Das Lübecker Stadtgebiet ist dazu in Quadrate aufgeteilt. Für jedes dieser Quadrate wurde eine maximale Regenmenge definiert.

„Das System haben wir in enger Abstimmung mit der Feuerwehr entworfen“, berichtet Einfalt. Sobald die Vorhersage anzeigt, dass die Warnschwelle überschritten wird, erhält die Feuerwehr-Leitstelle automatisch eine Mail mit den wichtigsten Angaben. Einfalt: „Die Feuerwehr kann rechtzeitig Personal einplanen.“ Nicht nur für die Rettungszüge, die dann ausrücken müssen, sondern auch für die Leitstelle. Bei „Zoran“ am 5. Mai mussten Feuerwehr und Polizei zu mehr als 330 Einsätzen eilen. Die Zahl der Anrufe in der Leitstelle schnellt bei schweren Unwettern auf 80 pro Minute hoch.

Den gesamten Niederschlag von 2010 bis 2013 in Lübeck haben die Wetterforscher analysiert. 156 Feuerwehreinsätze gab es in dieser Zeit — zumeist wegen vollgelaufener Keller. Die Unwetter verteilen sich höchst unterschiedlich über die Hansestadt. Kücknitz (62 Fälle) und St. Gertrud (44) waren viel stärker betroffen als St. Lorenz Süd und Moisling. In Kücknitz sei die Bebauung verdichtet, viel Fläche versiegelt und das Kanalnetz relativ alt, erklärt Einfalt. Im Juni 2011 ging ein Starkregen über dem Stadtteil nieder, der die Feuerwehren drei Stunden lang in Großalarm versetzte. In ländlicheren Stadtteilen wie St. Jürgen könne Regen viel besser versickern. Selbst in der dicht bebauten Altstadt kann der Regen schnell abfließen — in die umliegenden Gewässer. Einfalt: „In der Regel tritt Starkregen nicht auf, wenn die Ostsee Hochwasser führt.“

Starkregen kann für Bürger wie Versicherungen teuer werden. „Zoran“ kostete allein die Provinzial- Versicherung in Lübeck weit über eine Million Euro, erklärt Agentur- Inhaber Stefan Schmüser. Die Versicherung kennt zwei typische Schadensbilder. Erstens: Sturm deckt ein Dach ab, Regenwasser dringt ins Haus ein. Schmüser: „Decken und Gipswände werden aufgeweicht, Holzkonstruktionen müssen aufwendig getrocknet werden.“ Zweitens: Straßen werden überschwemmt, die Kanalisation schafft die Wassermassen nicht mehr, Regen dringt durch Schmutzwasserleitungen in die Häuser. Schmüser: „Schäden durch solche Rückstaus gehen schnell in die Tausende.“ Die Provinzial unterhalte deshalb für ihre Versicherten ein eigenes Warnsystem in Zusammenarbeit mit einem Wetterdienst. Per App bekommen die Bürger Warnhinweise.

Die Kanalisation der Entsorgungsbetriebe (EBL) ist auf Starkregen nicht ausgelegt. „Aber wir passen das Netz kontinuierlich an“, sagt EBL-Direktor Dr. Jan- Dirk Verwey. Hydraulische Ertüchtigung nennen die EBL das. Dazu gehört der Neubau von Regenwasser-Sammlern an verschiedenen Stellen der Stadt. Bürger können ihre Immobilien am besten durch Versickerung schützen. Seit Einführung der Niederschlagswassergebühr (Regensteuer) gebe es einen Anreiz für Immobilienbesitzer, ihre Grundstücke zu entsiegeln, sagt EBL-Chef Verwey.

Leuchtturmprojekt
Seit Juni 2013 arbeitet eine Projektgruppe am Frühwarnsystem namens „RainAhead“ — Regen in Sicht. Beteiligt sind neben den Wetterforschern von „hydro & meteo“ die Fachhochschule, der Bereich Umwelt der Hansestadt, die Feuerwehr, die Stadtplanung und die Entsorgungsbetriebe (EBL). Das Bundesumweltministerium fördert das Gesamtprojekt mit knapp 300000 Euro. Im Mai 2016 sollen die endgültigen Ergebnisse vorliegen. Dr. Thomas Einfalt spricht von einem „Leuchtturmprojekt zur Anpassung an den Klimawandel“.

Kai Dordowsky

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