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Lübeck Noch mehr Zeugen belasten mutmaßlichen Sexualstraftäter
Lokales Lübeck Noch mehr Zeugen belasten mutmaßlichen Sexualstraftäter
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17:43 17.10.2017
„Es ist ein bisschen widersprüchlich, was Sie ausgesagt haben." Helga von Lukowicz, Richterin
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St. Lorenz Nord

Der Mann mit der dicken Hornbrille und den sehr kurzen Haaren, der in Jeans und grünem Pullover auf der Anklagebank sitzt, wirkt in sich gekehrt. Nur als die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz ihn in einer Zeugenvernehmungspause bittet, seinen Lebenslauf zu schildern, scheint Peter N. (Name geändert) aufzuwachen.

Mit leiser, sanfter Stimme erzählt er von Kindheit und Jugend mit der strengen Mutter, von seiner eigenen Vergewaltigung durch einen Betreuer beim Ferienjob, vom Tod seines Vaters, von seiner Ehe und den drei Töchtern. Und davon, wie er Kinder und Haushalt managte, während seine Frau arbeitete. Sie war diejenige mit der deutlich besseren Ausbildung und dem guten Verdienst. Immer wieder kommen N. die Tränen, immer wieder macht er merkwürdige Schluckgeräusche, vor allem, wenn er schildert, wie seine Frau ihn betrogen habe und die Ehe in die Brüche gegangen sei. Der 42-Jährige stellt sich als gutmütig und liebevoll dar.

Doch Peter N. ist auch der Mann, der angeklagt ist wegen sexuellen Missbrauchs von drei Kindern und diverser Sexualstraftaten an weiteren mutmaßlichen Opfern zwischen 16 und 25 Jahren.

Die Aussage eines der Kinder wird verlesen, weil der Videoaufzeichnung der Ton fehlt. Das Mädchen erzählt bei der Vernehmung durch die Kripo, es sei allein von der Schule nach Hause gekommen, N. habe sie unter einem Vorwand in den Keller gelockt und verlangt, dass sie sich hinhocke. Bevor es dazu kam, konnte sie flüchten, auf der Treppe habe N. sie am Schulranzen festgehalten. Als das Mädchen zu weinen begann, soll N. von ihr abgelassen haben. „Stimmt das alles?“, will Richterin von Lukowicz wissen. „Ja“, versichert der Angeklagte.

Die 31-jährige Mutter einer achtjährigen Freundin von N.s mittlerer Tochter sagt wenig später aus, ihre Tochter sei – gemeinsam mit einem anderen mutmaßlichen Opfer – im Haus des 42-Jährigen in einen getrennten Raum geführt worden. „Sie saßen Rücken an Rücken in einem Raum, die Augen waren verbunden.“ Seit Anfang Februar habe sich ihre Tochter verändert, sagt die Mutter, die ihr Kind seit 2011 nur noch alle zwei Wochen sieht. „Sie will nicht ins Bett, weint, schläft schlecht.“ Doch auf Nachfragen, was mit ihr los sei, habe sie keine Antwort erhalten. „Sie hat sich erst eine Woche vor den Sommerferien ihrer Klassenlehrerin gegenüber geöffnet“, sagt die Mutter.

Auch für eine 17-jährige Schülerin hatte die Begegnung mit Peter N. Folgen. Nach der Tat Ende 2016 konnte sie zunächst „nicht vom Bus irgendwohin gehen, und ich hatte Konzentrationsschwierigkeiten“, sagt sie. Doch sie habe mit ihren Lehrern gesprochen und Klausuren verschoben. Sie war am 7. Dezember allein und zu Fuß unterwegs von der Bushaltestelle am Kaufhof zur Sternwarte. Der Mann habe sie „von hinten festgehalten, die Hand vor den Mund gehalten und in meine Hose gefasst“. Erst als es ihr gelungen sei, die Hand wegzuschlagen, habe sie um Hilfe gerufen, der mutmaßliche Täter sei davongerannt. Nicht alle Fragen zu kleinsten Details des sexuellen Übergriffs kann sie beantworten, „ich stand unter Schock, das Begreifen kam erst später.“

Als eine 19-jährige Bekannte des Angeklagten aussagt, die ihn der Vergewaltigung bezichtigt, widerspricht N. und versucht, „Erinnerungslücken“ zu schließen. Auch Richterin von Lukowicz äußert Zweifel an der Darstellung der jungen Frau: „Es ist ein bisschen widersprüchlich, was Sie bei der Polizei ausgesagt haben“, merkt sie an und verweist darauf, dass die 19-Jährige die vermeintliche Straftat nicht angezeigt habe.

Nach weiteren Zeugenvernehmungen am Nachmittag wird der Prozess am Donnerstag, 19. Oktober, ab 9 Uhr im Landgericht, Schwartauer Landstraße 9-11, Saal 326, fortgesetzt. Dann wird sich entscheiden, welche Teilverfahren möglicherweise eingestellt werden.

 Von Sabine Risch

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