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Lübeck Nur das Taufbecken von St. Petri überlebte den Feuersturm
Lokales Lübeck Nur das Taufbecken von St. Petri überlebte den Feuersturm
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17:01 24.03.2017
Von Michael Hollinde
Um 1870 dürfte sich dieser Blick über den Markt auf St. Petri geboten haben. Gut sichtbar ist der nicht mehr existierende Dachreiter. Quelle: Schönherr
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Wenn Petri-Hausherr Pastor Bernd Schwarze den Besuchern seiner Kirche Kunstwerke zeigen möchte, kann er durchaus etwas vorweisen, wie zum Beispiel das zeitgenössische Kreuz von Arnulf Rainer. Bei älteren Ausstattungsstücken herrscht jedoch nahezu Fehlanzeige. „Das lädierte Taufbecken, einige mehr oder weniger erhaltene Grabplatten sowie zwei Abendmahlskelche sind die einzigen Überbleibsel, die die Palmsonntagnacht 1942 überstanden haben“, sagt der Theologe. Ansonsten sei alles in dieser Schicksalsnacht ein Raub der Flammen geworden. Denn das dem Apostel Petrus geweihte Gotteshaus verlor im Feuersturm nicht nur das gewaltige Dach mitsamt dem Dachreiter, dem Glockenstuhl und dem 50 Meter hohen schlanken Turmhelm, sondern auch das Kircheninnere — das Kirchenschiff brannte bis in den letzten Winkel leer.

Schon beim ersten Anflug der Bomber war die Kirche getroffen worden; die ersten Brände im dichten Gebälk des Dachstuhls konnten noch gelöscht werden. Viele Menschen hatten Schutz im Inneren gesucht und verweilten dort, bis das geschmolzene Kupfer des Daches in den Raum rieselte. Nach dem Angriff begannen bald Aufräumabreiten und Sicherungsmaßnahmen. Doch schon damals musste St. Petri zurückstehen; die Sorge um St. Marien überschattete einfach alles.

Marktkirche mit Kaiser-Wappen

Entsprechend ging St. Petri als die am schwersten getroffene Lübecker Hauptkirche aus den furchtbaren Palmarum-Ereignissen hervor. Während aus dem brennenden Dom noch Kunstwerke herausgeschafft werden konnten und das Feuer in St. Marien nicht alle Kapellen ergriff, brannte die Petrikirche völlig aus. Selbst Grabplatten aus Messing, wie die des Kaufmanns Clingenberg, wurden bis auf Reste zerstört. Alles, was nur irgendwie brenn- oder zerstörbar war, wurde vernichtet. Das Gotteshaus wurde bis auf die Mauern, bis auf die ihrer Dächer beraubten Gewölbe, ausgeglüht. Als man es Tage später wieder betreten konnte, bedeckte eine 30 Zentimeter dicke Ascheschicht gleichmäßig den Boden.

Verloren für immer war das prachtvolle Orgelgehäuse von 1586, angefertigt von dem bedeutendsten Lübecker Bildschnitzer der Spätrenaissance, Tönnies Evers der Jüngere. Verloren war auch die Uhr unter der Orgel, geschaffen von Andreas Pollecke, dem Meister der Lettner-Uhr im Dom. Sie sind Zeugnisse davon, wie bedeutend St. Petri für die Hansestadt war und ist. So hat es eine Petrikirche an der jetzigen Stelle am Südrand des Marktes möglicherweise schon vor der Stadtgründung durch Heinrich den Löwen gegeben. Petri gehört damit zu den frühesten Kirchen des alten Siedlungskerns der Stadt.

Urkundlich erwähnt werden jedenfalls beide Marktkirchen, St. Marien und St. Petri, im gleichen Atemzug im Jahr 1170, zehn Jahre nach der Erhebung des neuen Lübeck zum Bischofssitz.

Wann die erste Ausgabe von St. Petri in Holzbauweise durch einen Backsteinbau ersetzt wurde, steht nicht genau fest. Um 1250 muss aber bereits eine dreischiffige Hallenkirche mit dem Turm im Westen gestanden haben. Die romanische Kirche wurde dann ab dem Jahr 1300 zur gotischen Halle umgestaltet. Nach dem Beispiel von St. Marien war die Westfassade sogar doppeltürmig geplant; der Bau der beiden Türme wurde aber später aufgegeben.

Ab 1350 erhielten die Lübecker Stadtkirchen als Folge der großen Pest-Epidemie und der stark gestiegenen Spenden für die Seelenmessen der Verstorbenen zahlreiche Kapellenanbauten. Dort befanden sich entsprechend die für das Messe-Lesen erforderlichen Neben-Altäre. Diese Kapellen waren zunächst selbstständige Anbauten an der Nord- und Südwand. Später wurden die Zwischenwände abgetragen, so dass der gesamte Kirchenraum unter ein einziges Dach gestellt wurde. Ergebnis: Anfang des 16. Jahrhunderts war die fünfschiffige Halle von St. Petri dann nach 300 Jahren vollendet. Zwischenzeitlich — im 15. Jahrhundert — schmückte sogar ein kaiserliches Wappen den Petri-Turm.

In der Form hat St. Petri weder ein Vorbild noch Nachfolge-Bauten in der norddeutschen Backsteingotik. Im Inneren hat sich zwar im Laufe der Jahrhunderte gelegentlich etwas geändert. In der äußeren Gestalt aber blieb die alte Marktkirche seit 1519 praktisch unverändert. Bis zur Nacht vom 28. auf den 29. März 1942, als die englischen Bomber kamen.

Am Sonntag lesen Sie: Mehr als 45 Jahre dauerte der Wiederaufbau

Hilfe für St. Petri
Die Spendenaktion „Sieben Türme sollst Du sehen“ hat schon St. Marien und St. Jakobi gerettet. Jetzt werden zur Sanierung der Kulturkirche St. Petri rund 2,8 Millionen Euro benötigt — eine Summe, die St. Petri und der Kirchenkreis nicht allein stemmen können. Die evangelische Kirche in Lübeck hofft daher auf viele Unterstützer.

Die Spenden-Gala am Ostermontag, 1. April, in St. Petri läutet den Neuauftakt der Kampagne „Sieben Türme sollst Du sehen“ ein. So wird ab 19 Uhr zu einem bunten Fest mit Musik und Wort und vielen Überraschungen eingeladen. Die Einnahmen kommen dem Spendenprojekt zugute. Eintritt 25 Euro, Schüler und Studenten frei. Tickets im LN-Pressehaus, Konzertkasse Hugendubel, im Pressezentrum, im Petri-Turmshop und an der Abendkasse.

Michael Hollinde

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