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Lübeck Offizier lästert über tote „Gorch-Fock“-Kadettin
Lokales Lübeck Offizier lästert über tote „Gorch-Fock“-Kadettin
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16:44 15.09.2016
Jenny Böken steht am 28. August 2008 vor der Abreise auf dem Segelschulschiff der Marine "Gorch Fock" an der Schiffsglocke. Quelle: dpa
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Lübeck

Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass sie ertrank: Die auf der „Gorch Fock“ stationierte Kadettin Jenny Böken war in der Nacht vor ihrem 19. Geburtstag über Bord gegangen. Ihre Eltern kommen bis heute nicht zur Ruhe - sie sind erst vor wenigen Tagen vor das Bundesverfassungsgericht gezogen, um ein Verfahren gegen den damaligen Kapitän des Segelschulschiffes zu erzwingen. Ihrer Meinung nach weist der Fall zu viele Ungereimtheiten auf, um als Unfall durchzugehen.

Ganz anderer Meinung ist offensichtlich ein Kapitänleutnant der Marine: Er diffamierte die Eltern sowie die tote Kadettin im Internet. Für jeden lesbar schrieb der Offizier in einem Leserkommentar auf der Webseite des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, die Eltern vergeudeten „mit einem Sammelsurium absurder Hirngespinste seit mehreren Jahren das Geld anständiger Steuerzahler“. Die Angelegenheit sei umfassend untersucht worden, und die Eltern würden leugnen, „dass ihre Tochter schlicht und ergreifend in Darwin-Award-fähiger Weise von der Back der Gorch Fock gestürzt ist.“

Der „Darwin-Award“ ist ein Negativpreis, der an Menschen verliehen wird, die sich versehentlich selbst töten. „Ich war fassungslos“, sagte Jennys Mutter Marlis Böken (54) gegenüber dem „Flensburger Tageblatt“. Vater Uwe Böken (54) ergänzte: „Solche Äußerungen bestätigen mir, welche Haltung innerhalb der Marine herrscht.“ Die beiden wollen sich nun an den Inspekteur der Marine wenden.

„Das nehmen wir sehr ernst“, sagte Fregattenkapitän Jan Ströhmer. Er bestätigte den LN, dass der Kommentar von einem Kapitänleutnant verfasst worden sei. Es mache ihn „sehr betroffen“ - eine interne Prüfung des Vorfalls sei bereits eingeleitet worden. Falls sich die Vorwürfe bestätigten, könnten gegen den Offizier dienstliche Maßnahmen bis hin zum Rausschmiss vorgenommen werden. Auch strafrechtliche Konsequenzen seien denkbar. Der Chef des Stabes im Flottenkommando in Glücksburg, Georg von Maltzan, erklärte, dass die Äußerungen aus Marinesicht völlig inakzeptabel seien. In solchen Angelegenheiten sei eine Trennung zwischen dienstlich und privat nicht möglich.

Der Beschuldigte verfasste bereits häufiger zweifelhafte Internet-Kommentare. So forderte er unter einem Artikel über einen freigelassenen Sexualstraftäter zur Lynchjustiz auf.

Kilian Haller

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