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Lübeck Ohne Kleidung auf der großen Bühne
Lokales Lübeck Ohne Kleidung auf der großen Bühne
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22:24 05.11.2013
Gabriel Wenzel (61) mag keine Langeweile. Er ist gelernter Koch, Matrose, Taucher sowie U-Bootfahrer und tritt jetzt in der Oper Don Carlo im Theater Lübeck als Statist ohne Kleider auf. Quelle: Cosima Künzel
Lübeck

Gabriel Wenzel hat als Hobby-Schauspieler oder Statist schon viele Rollen übernommen. Aber keine war, wie diese sein wird: In der Oper Don Carlo wird er am Theater Lübeck ohne Kleider auftreten. „Ich bin aufgeregt, klar“, sagt der 61-Jährige vor der Premiere am Freitag, „aber ich werde versuchen, mich auf meine Rolle zu konzentrieren und nicht darauf, dass mich vielleicht jemand anstarrt.“

Insgesamt treten in der Neuproduktion von Giuseppe Verdis Schiller-Oper sechs Unbekleidete auf, und Regisseurin Sandra Leupold weiß, was das für die Statisten bedeutet. „Ich habe früher selber viele solcher Statistenrollen übernommen“, sagt sie und wird ihren ersten Auftritt an der Deutschen Oper Berlin „nie vergessen“. Nicht nur aus der eigenen Erfahrung heraus ist ihr die Wertschätzung der Statisten heute wichtig. „Die Bühne ist ein heiliger Ort, und jeder, der darauf zu sehen ist, ist gleich wichtig.“

Für Wenzel ist der Auftritt im Großen Haus nicht nur eine Ehre, sondern auch anstrengend. „In die Fachsprache der Profis muss ich mich teilweise erst hineinfinden, und schon die Proben erfordern sehr viel Disziplin.“ Die Regisseurin bestätigt und würdigt das. „Die Statisten sind keine gelernten Musiker, und wir müssen trotzdem verlangen, dass sie sich in einem Opergefüge exakt bewegen.“ Aber auch die Nacktheit kostet Wenzel etwas Überwindung. „Ich hatte schon Auftritte mit freiem Oberkörper oder nur in Unterwäsche, aber unbekleidet noch nie.“

Dabei ist es nicht die Nacktheit an sich, die den regelmäßigen Saunagänger und FKK-Anhänger aufwühlt, es ist vielmehr auch die Szene. Sie zeigt etwa 22 Minuten lang, wie Protestanten im Spanien des 16. Jahrhunderts als Ketzer verfolgt und im Rahmen eines volksfestähnlichen Rituals verbrannt werden. Vorher müssen sich Wenzel und Kollegen auf der Bühne entkleiden, und schon bei den Proben schossen ihm die Tränen in die Augen. „Der Chor, die Musik, die Stimmung. . .“, versucht er zu beschreiben. In diesem Kontext fühlte er sich „nicht nur ausgezogen, die Seele liegt entblößt dar“.

Ähnlich begründet Leupold, warum sie sich für dieses „sehr starke Theatermittel“ entschieden hat. „Mit Nacktheit Erotik zu erzielen, habe ich noch nie überzeugend gesehen, und darum geht es hier auch nicht.“ Was Nacktheit hier zeigen könne, sei die Zerbrechlichkeit des Menschen, betont sie und nennt Verdis Oper rund um die historischen Figuren Philipp II., Don Carlos und Elisabeth „ein Kraftwerk der Gefühle“.

Dass ihn Freunde und Bekannte darin erkennen könnten, stört den gelernten Koch, Matrosen, Taucher und U-Bootfahrer nicht. „Ich finde es eher amüsant“, sagt der Mann, der 28 Jahre lang als Polizist gearbeitet hat und seit 2003 vorzeitig im Ruhestand ist. Die Hobby-Schauspielerei entdeckte der vierfache Familienvater aus Eutin erst nach der Trennung von seiner Familie und dem daraus folgenden „Umbruch“ in seinem Leben. Auf verschiedenen Bühnen im Land tritt er seit zwölf Jahren auf und geht nun selbstbewusst „und mit ganz viel Herzblut“ an seinen besonderen Statistenjob heran. Als sportlicher Mensch (Fitnesstraining, Laufen, Schwimmen) fühle er sich wohl in seinem Körper. „Und Narben, Tattoos und Bauch gehören halt dazu.“

Die Oper und die Termine
Don Carlo feiert im Theater Lübeck am Freitag, 8. November, Premiere (19 Uhr), und der neue Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri gibt seinen Einstand als Operndirigent. Im Großen Haus kommt eine vieraktige Fassung in italienischer Sprache mit Erweiterungen aus dem Quellenmaterial zur Aufführung. Karten: 04 51/39 96 00

• www.theaterluebeck.de

Cosima Künzel

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