Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Parkplätze wurden zum Lebensraum
Lokales Lübeck Parkplätze wurden zum Lebensraum
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:48 15.09.2017
Marc Kudling hatte seinen Arbeitsplatz gestern auf einen Parkplatz in der Mühlensraße verlegt. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Marc Kudling hatte seinen Laptop an die Ladestation für Elektroautos gehängt. Normalerweise arbeitet Kudling in seinem Büro bei Cloudsters, gestern hielt er Konferenzen per Skype ab, während unentwegt Fahrzeuge vorbeirollten. Ulmia Schneider werkelt üblicherweise zu Haus an ihrem Spinnrad – stundenlang zur Entspannung, wie sie sagt. Gestern war die Frau mit dem Spinnrad einer der Hingucker beim Parking Day. Sie wolle ein Zeichen setzen, sagte Ulmia Schneider: „Ich bin passionierte Radfahrerin. Wir sind als fünfköpfige Familie stets ohne Auto ausgekommen – das geht.“

Zehn Parkplätze in der viel befahrenen Mühlenstraße wurden am Freitag am internationalen Parking Day zu Arbeitsplätzen und Wohnzimmern umgewandelt. Ein Bündnis von ADFC bis Greenpeace demonstrierte, wie der öffentliche Raum genutzt werden kann, wenn Autos fehlen.

Der Parking Day findet jedes Jahr weltweit in über 30 Staaten und 150 Städten statt. In diesem Jahr ist Lübeck zum zweiten Mal dabei. Auf den Parkplätzen sitzen die üblichen Akteure – Mitglieder des Fahrrad-Clubs ADFC, Vertreter von Greenpeace, vom Car-Sharing-Anbieter StattAuto und von GAL und Grünen. Ralf Küpper vom ADFC-Vorstand ist „etwas enttäuscht“, dass sich nicht mehr Lübecker angeschlossen haben. Die Idee des Parking Days ist, dass sich viele Bürger an diesem Tag den öffentlichen Raum in Teilen zurückholen. In Lübeck ist die Bewegung bisher nicht über die Mühlenstraße hinausgekommen.

Die aber bietet sich geradezu für eine solche Aktion an. Über 8000 Kraftfahrzeuge rollen hier nach einer Zählung von 2016 täglich durch. Dazu 4500 Radfahrer. Unter den Kfz ist viel Schwerlastverkehr – und dazu zählen vor allem die Busse des Stadtverkehrs. „Das Telefonieren ist schwierig“, sagte Carla Westerheide, die ebenfalls ihren Arbeitplatz auf die Mühlenstraße verlegte, „im Inteernet surfen geht.“

Im vergangenen Jahr bei der Premiere sei es noch schwieriger gewesen, berichtete Jens Schulz von der GAL-Fraktion, „durch den Wind haben wir diesmal weniger Abgase“. Für Schulz steht fest: „Es wäre ein Gewinn für die Mühlenstraße, wenn es hier gar keine Parkplätze gäbe.“ Der Wind war gestern so heftig, dass die Grünen ihre Idee, auf ihrem Stellplatz Minigolf zu spielen, aufgeben mussten.

Stattdessen spielten die Fraktionsmitglieder Angela Fiorenza und André Kleyer Backgammon. „Wir wollen Aufmerksamkeit dafür schaffen, dass man Innenstädte auch anders nutzen kann“, erklärte Kleyer.

Die Grünen streben ein Konzept für die Altstadt an, das die Interessen aller berücksichtigt. Fraktionsvize Kleyer: „Wir wollen kein Gegeneinander.“

Alle Akteure berichteten fast ausschließlich von positiven Reaktionen seitens der Passanten und der Autofahrer. „Wir sind nicht beschimpft worden“, stellte Barbara Schäfers vom ADFC fest. „Viele Leute nehmen sich Infomaterial mit“, sagte Ralf Küpper (ADFC), „wir haben eher positive Rückmeldungen.“ Einige Passanten hätten geglaubt, „dass hier ein Flohmarkt ist“, erzählte Angela Fiorenza.

„Eine schwangere Autofahrerin hielt an und wollte einen Spielzeughund kaufen.“ Als sie gehört habe, dass es sich um eine politische Aktion handelte, habe sie das befürwortet.

Die Akteure gaben sich aber auch alle Mühe, die zehn Stellplätze in gemütliche Oasen zu verwandeln. Da standen Hängesessel, Tische, Gartenstühle, da gab es jede Menge Spiele und Bücher und sogar Sportgeräte. „Wir laden Passanten und Touristen ein, sich zu uns zu setzen“, erklärte Dirk Turlach von Greenpeace den Aufwand, aber natürlich wollten die Akteure es auch etwas gemütlich haben. Acht Stunden an einer viel befahrenen Straße sind schließlich kein Pappenstiel.

Das Architekturforum Lübeck lud am Nachmittag zu einem Stadtspaziergang, der am Holstentor startete, und zu einem Vortrag mit Verkehrsplaner Nils Weiland.

 Von Kai Dordowsky

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige