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Lübeck Parteien entdecken die Fußgänger
Lokales Lübeck Parteien entdecken die Fußgänger
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21:40 16.04.2018
Die Unabhängigen schlagen die Königstraße als „Pilotprojekt für eine Gemeinschaftsstraße“ vor. Quelle: Foto: Lutz Roessler
Lübeck

Über den Autoverkehr wird in Lübeck seit Jahrzehnten diskutiert. Die Versuche, Lübeck zu einer Fahrradstadt zu entwickeln, füllen Broschüren, Wahlprogramme und Zeitungsbände. Der Busverkehr ist ständig ein Thema. Nur über Fußgänger wurde bislang in der Hansestadt wenig gesprochen. „Fußgänger haben keine Lobby“, sagt das Architekturforum. Dabei wird auch fast jeder Autofahrer, Radfahrer oder Busfahrgast unweigerlich zum Fußgänger, wenn er nicht direkt vor seinem Ziel parken oder aussteigen kann. „An einem durchschnittlichen Tag werden 28 Prozent der Wege von der Lübecker Bevölkerung komplett zu Fuß zurückgelegt“, stellte die Stadtverwaltung 2011 in einer groß angelegten Mobilitätsstudie fest. Der Radanteil umfasste damals lediglich 17 Prozent, der Anteil öffentlicher Verkehrsmittel betrug acht Prozent. Nur Autos und Motorräder wurden mit 47 Prozent deutlich häufiger als die eigenen Füße genutzt. Und Frauen sind in Lübeck häufiger zu Fuß unterwegs – 30 Prozent im Vergleich zu 25 Prozent bei Männern.

Aber zu Fuß gehen macht in der Stadt der kurzen Wege wenig Spaß. Vor vier Jahren baten die LN eine Hamburger Fußgänger-Aktivistin, die Travestadt zu begehen. Sie stellte fest, was nahezu alle Lübecker wissen: Wege sind zugestellt, Radfahrer und Fußgänger kommen sich ins Gehege, Wege sind extrem schmal. Fußgänger werden auch zu häufig ausgebremst, hat das Architekturforum herausgefunden.

Als fußgängerfreundlich gilt demnach ein Weg, auf dem der Fußgänger maximal 15 Prozent vor Ampeln warten muss. Die Architekten haben es ausprobiert. Vom Hauptbahnhof über die Holstenstraße in die Altstadt muss ein Fußgänger 40 Prozent der gesamten Wegstrecke an Ampeln warten. Von der Musik- und Kongresshalle (MuK) zur Breiten Straße liegt die Wartezeit bei 21 Prozent. Norbert Hochgürtel, Vorsitzender des Forums: „Wenn ich vom Holstentor Richtung Markt will, muss ich mehrfach Straßen queren, während die Autos vorbeischießen.“ Die Wahmstraße kennt keine Querung für Fußgänger, und wer von der Untertrave auf der Seite zum Holstentor kommt und in die Obertrave will, muss drei Mal die Straße queren.

Die Politiker wollen das Thema jetzt anpacken. Gregor Voht, stellvertretender Kreisvorsitzender der Freien Wähler: „Gerade für mobilitätseingeschränkte Personen, Eltern mit Kinderwägen oder ältere Menschen sind die maroden Fußwege häufig voller Hindernisse. Wir müssen den Gehwegen mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Genügsamkeit der Fußgänger ist überstrapaziert.“ Die SPD will „das Fuß- und Radwegenetz sanieren, barrierefrei ausbauen und erweitern“. Die CDU will neben Brücken, Straßen und Radwegen auch Fußwege sanieren und ausbauen. „Der öffentliche Raum soll barrierefrei werden, damit Personen mit Kinderwagen, Rollatoren und Rollstühlen sich mühelos und sicher durch Lübeck bewegen können“, heißt es im Wahlprogramm.

Die GAL hat unter der Rubrik „Fußgängerinnen sind auch Verkehrsteilnehmerinnen“ mehrere konkrete Punkte benannt. An Ampeln sollen Fußgänger nicht länger als eine halbe Minute warten müssen. An Kreuzungen soll es in alle Richtungen gleichzeitig Grün für Fußgänger geben. Fußgängerüberwege sollen Bedarfsampeln ersetzen. Autos dürfen nicht mehr auf Fußwegen abgestellt werden. Die Grünen wollen „ein barrierefreies Fußgängerwegenetz“ schaffen, und die Unabhängigen schlagen die Königstraße zwischen Wahmstraße und Koberg als „Pilotprojekt für eine Gemeinschaftsstraße“ vor. Auf Englisch nennt sich das Shared Space. Eine Idee, die die GAL bereits seit einiger Zeit propagiert. Alle Verkehrsteilnehmer sind gleich, alle Verkehrszeichen werden abgeschafft, alle nehmen aufeinander Rücksicht.

Begegnungszonen nennt das Architekturforum diese Straßen: „Die Sandstraße und die Hüxstraße sind schon heute gute Beispiele, wie es gehen kann.“

Kurze Wege zu Fuß

Wege bis zu einem Kilometer gehen die meisten Lübecker zu Fuß. Laut Mobilitätsstudie von 2011 werden 80 Prozent dieser kurzen Wege per pedes erledigt.

Ab zwei Kilometer Länge sinkt der Anteil rapide auf 19 Prozent, während die Nutzung des Autos (als Fahrer und Mitfahrer) auf 51 Prozent steigt. „Ein erheblicher Teil dieser Strecken könnte zu Fuß

oder mit dem Rad zurückgelegt werden“, heißt es in der Mobilitätsstudie.

Hinderlich sind lange Rotphasen vor Ampeln. Das Architekturforum hat Rotphasen in Lübeck und Hamburg gemessen. Auf dem Ring 2 in Hamburg dauerte die längste für Fußgänger an einer Ampel 73 Sekunden, in Lübeck am Kohlmarkt 115 Sekunden.

 Kai Dordowsky

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