Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Persönliche Bilder an Ecken und Wänden
Lokales Lübeck Persönliche Bilder an Ecken und Wänden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:53 25.06.2017
Tilo Strauß erklärt das Streetart-Bild seiner Eltern an der Burgtreppe. Ganz rechts die beiden spanischen Künstler. Quelle: Fotos: Ulf Kersten Neelsen (2), Sabine Risch
Anzeige
Innenstadt

„Ein berührender Rundgang“, findet Katja Wiedenlübbert. Die 54-jährige Lübeckerin steht am Aegidienhof und schaut sich mit anderen zusammen das Bild einer Postzustellerin an, das der spanische Streetart-Künstler Joan Aguiló erst auf Papier und dann auf eine Seitentür in der Mauer des Aegidienhofes gebannt hat.

Streetart aus Spanien oder Texte von Einheimischen finden sich überall in der Stadt.

So geht’s zu „LoL“

Die Führungen zu „Look on Lübeck“ (LoL) finden bis zum 20. Juli jeden Donnerstag statt. Treffpunkt ist um 19 Uhr das Günter-Grass-Haus in der Glockengießerstraße. Nach dem etwa anderthalbstündigen Stadtrundgang gibt es bei gutem Wetter an der Obertrave Live-Musik. Teilnahme-Tickets kosten 15 Euro und sind im Welcome Center am Holstentor erhältlich.

Sara Hadley (22) liest einen Text zum Bild vor – es ist ein Text ihrer Mutter Lia, die vor 20 Jahren nach Lübeck zog und die stillen Helden, die sie hier kennenlernen durfte, würdigen möchte. Allen voran die Postzustellerin, die über all die Jahre dieselbe war und fast schon zur Familie gehört. Auch wenn noch vieles ungesagt und ungefragt ist.

Das Porträt am Aegidienhof ist eines von 15 in der Innenstadt. Bilder, die ihre „Paten“ haben, die ihren ganz persönlichen Blick auf Lübeck preisgeben und Geschichten erzählen – es sind Einblicke in die Stadt und das Leben in Lübeck, es geht um lokale Identität.

„Look on Lübeck“ (LoL) heißt das Projekt, das die freie Fotografin Anja Doehring (55) entwickelte. Bei Recherchen für eine Mallorca-Ausstellung hatte sie den Streetart- Künstler Aguiló und seine Partnerin Catalina Ines Florit kennengelernt und die Idee zu „LoL“ entwickelt. In Walter Hermann von „Colibri“ fand sie einen leidenschaftlichen Unterstützer, andere bekannte Lübecker wie Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses, LTM- Chef Christian Martin Lukas, Hutdesignerin Katja Lux, die Palliativmedizinerin Dr. Susanne Preuß oder der Künstler Stephan Joachim waren ebenfalls dabei.

Aguiló und seine Partnerin durchforsteten Familienalben, schauten sich Bilder an, die Paten riefen Erinnerungen und Lebensgefühle wach. Tilo Strauß (60) zum Beispiel, Lübecks bekannter Slam-Organisator, schaut am Haus an der Burgtreppe auf ein lebensgroßes, sehr liebevolles Bild seiner Eltern Inge und Dietrich. Es sei ein typisches Lübecker Schicksal gewesen, erzählt Tilo, denn sein Vater war, wie so viele in jener Zeit, Flüchtling, der seine spätere Frau in Lübeck kennenlernte. Über Flucht damals und heute und das Gefühl des Angekommen-Seins kommt Strauß zu Bob Dylan und intoniert auf seiner Gitarre dessen Song „Shelter from the Storm“. Im Bild zu sehen ist der Schriftzug „Unser Wunsch ging in Erfüllung“ – gemeint war die Geburt des Wunschkindes Tilo.

Jedes der Streetart-Bilder trägt einen speziellen Spruch. Ausgesucht und geschrieben haben sie Catalina Ines Florit und Anja Doehrings zwölfjährige Tochter Olivia. Die findet sich – springend und mit Blumen – auf einem Bild im Petrikirchhof und hat ihren ganz besonderen Text dazu entwickelt: Sie bittet die Rundgangs-Teilnehmer, die Augen zu schließen. So könne man an der Obertrave den Wellen und dem Wind lauschen, in ihrem Garten den Duft der Rosen wahrnehmen oder in der Breiten Straße die vielen Leute beim Shoppen hören.

Auch Anja Doehring selbst ist auf einem Bild verewigt: Es ist im Engelswisch 65 zu finden. Vorlage war ein altes Familienfoto, das Doehring mit ihrer Mutter und ihrer großen (damals noch kleinen) Tochter Lucie zeigt. Doehring war vor 20 Jahren von München nach Lübeck gezogen – und schildert wunderbar poetisch, wie jede der drei Generationen ihr ureigenes Lübeck sah. „Jeder von uns hat ein anderes Lübeck im Herzen, das kleine, das große, die Stadt der kurzen Wege oder die Stadt, um die man ständig außen herum fährt. Aber das Licht am frühen Sonntagmorgen in der Altstadt, beim Rosengarten und in der Glockengießerstraße, oder der Morgennebel über der Schwarzweißfoto-still daliegenden Trave im Herbst, das lieben wir alle.“

Jeder kann sich selbst auf die Suche nach den Bildern machen, einen Plan soll es über LTM oder „Colibri“ geben. Doch wer allein losgeht, verpasst die Geschichten.

 Sabine Risch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige