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Lübeck Pflegekräfte am Ende: Sogar zum Demonstrieren fehlt die Kraft
Lokales Lübeck Pflegekräfte am Ende: Sogar zum Demonstrieren fehlt die Kraft
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21:18 12.05.2016
Gerade einmal 50 Beschäftigte gehen gegen den Pflegenotstand auf die Straße. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

Personalmangel, Zeitdruck und Überlastung – das ist der Alltag in Lübecker Kliniken und Pflegeheimen. Gestern gingen Pflegekräfte auf die Straße, um die Zustände publik zu machen. Doch viele, die kommen wollten, blieben weg. Sie mussten arbeiten. „Nichts kann den Personalmangel passender beschreiben“, erklärt Verdi-Gewerkschaftssekretärin Magda Tattermusch, als sie ihren Blick über die 50 Demonstranten vor dem Gewerkschaftshaus schweifen lässt.

Beschäftigte protestieren gegen den Notstand in Krankenhäusern und Heimen.

Millionen Überstunden

600 Pflegekräfte gingen gestern in Kiel und Lübeck auf die Straße.

1,2 Millionen Überstunden haben die Pflegekräfte in Schleswig-Holstein angesammelt.

4000 Stellen für Pflegefachkräfte fehlen im Norden.

2100 Schulplätze für Altenpfleger stehen im Land zur Verfügung – 900 mehr als 2012.

41 Socken hängen die Demonstranten an einer Wäscheleine auf. Jede steht für 635 Überstunden. „22000 Überstunden wurden in den ersten Monaten des Jahres allein im UKSH gesammelt“, berichtet Tattermusch. „Die Patienten werden immer früher entlassen, das sind dann sogenannte blutige Entlassungen“, schildert Burkhard Heinrich, Personalratsvorsitzender des Uniklinikums (UKSH), die Zustände im Pflegesektor. Gerda Brüggemann ist als Ausbilderin in einem Krankenhaus tätig: „Die Situation ist schlimm. Es bleibt keine Zeit für die Auszubildenden, und der Altersdurchschnitt der Kräfte ist 50. Was in zehn Jahren ist, kann man sich ausrechnen.“

Die Demonstranten lesen Gefährdungsanzeigen vor. Patienten würden manchmal nur einmal am Tag gefüttert. „Mit eigenem Personal ist die Arbeit in den Kliniken und Pflegeheimen nicht mehr zu schaffen“, weiß Magda Tattermusch, die für Verdi 320 Heime, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und psychiatrische Einrichtungen betreut. „Ohne Kräfte von Zeitarbeitsfirmen und die Einbindung von Angehörigen funktioniert das System nicht mehr.“ Tattermusch: „Die Beschäftigten sind an einen Punkt angelangt, an dem es nicht mehr weitergeht.“ Das bestätigt Ingo Schaffenberg, Krankenpfleger am UKSH, eine Zeit lang Vorsitzender des Nazareth-Vereins und damit Arbeitgeber von Pflegekräften in vier Häusern sowie SPD-Bürgerschaftsmitglied: „Die Pflegekräfte können nicht mehr.“ Gestern hätte Schaffenberg eigentlich frei gehabt, musste aber für einen kranken Kollegen einspringen. „Wir betreuen mit vier Kräften 40 Patienten. Morgen sind die Kollegen zu zweit in der Frühschicht.“

Doch es geht noch drastischer, schildert der selbständige Altenpfleger Sven Schulenburg. Der 24-jährige Lübecker kann sich vor Aufträgen vor allem kleinerer Heime kaum retten. Freiberufler wie er müssten manchmal ganze Schichten ersetzen. „Ich habe in einem Heim gearbeitet, das so stark unterbesetzt war, dass die Menschen um 10 Uhr noch in den Betten lagen, eingekotet und ohne Frühstück.“ Die Lage habe sich dramatisch verschlechtert, seit die Staatsanwaltschaften Kiel und Lübeck 110 Pflegeheime auf der Suche nach Scheinselbständigen unter die Lupe genommen haben. „Durch die Razzien herrscht in vielen Häusern absolute Panik“, weiß Schulenburg. Darunter würden die Heimbewohner leiden, „die ohne die Hilfe der Honorarkräfte kaum durch den Tag kommen“.

Warum stellen Krankenhäuser und Pflegeheime nicht mehr Leute ein? „Die Mittel im Gesundheitswesen sind begrenzt“, sagt Klaus Abel, Chef der Lübecker Sana-Klinik. Um den Bedarf an Pflegekräften zu decken, setzt Abel auf die hauseigene Ausbildung von Nachwuchs. Genauso wie Fred Mente, Vorstand der Vorwerker Diakonie. „Vor vier Jahren hatten wir eine zweistellige Zahl von Bewerbern auf einen Ausbildungsplatz, heute sind wir froh, wenn wir jeden Ausbildungsplatz besetzen können“, erklärt Mente. „Vor drei Jahren kamen drei bis vier Bewerberinnen auf eine Fachkraftstelle, heute sind wir froh, wenn wir die Stelle zeitnah besetzen können.“

Um Pflegekräfte zu finden, bieten Zeitarbeitsfirmen und Einrichtungen allerlei Extras – vom nagelneuen iPhone über Antrittsprämien und Kita-Plätzen bis zur Hilfe bei der Wohnungssuche. Nach Angaben von Verdi sind sogar schon Schweizer Zeitarbeitsfirmen im Norden aktiv, um Kräfte abzuwerben. Gewerkschafterin Tattermusch mahnt, bei den Prämien auf das Kleingedruckte zu achten: „Viele Arbeitgeber haben Rückzahlungsklauseln.“ Das beste iPhone nutze nichts, „wenn man vier Wochenenden hintereinander arbeiten muss“, erklärt Pfleger und Politiker Schaffenberg.

Tomma Petersen und Kai Dordowsky

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