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Lübeck Pflegenotstand: Gelähmte 56-Jährige ohne Versorgung
Lokales Lübeck Pflegenotstand: Gelähmte 56-Jährige ohne Versorgung
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22:02 29.03.2018
Stephanie Riedler (56) ist gelähmt. Sie braucht dringend einen Pflegedienst und freut sich über Hilfe aller Art. Angebote an: stephanieriedler@gmx.de Quelle: Fotos: Cosima Künzel, Dpa
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Buntekuh

Eine kleine Wohnung in Buntekuh ist ihr Zuhause. Dort liegt sie in ihrem Bett und kämpft mit den Tränen. Sie dreht den Kopf zu Seite, schließt die Augen. Mehr geht nicht. Das Gesicht hinter den Händen verbergen, die Tränen trocknen oder Nase putzen, nichts davon ist für die Lübeckerin möglich. Sie ist vom Hals abwärts gelähmt. Nach mehreren Bandscheibenoperationen 1989, einem septischen Schock und wochenlangem Koma ist sie seit 2011 schwerstpflegebedürftig. Aber Selbstmitleid und Verzweiflung sind ihr fremd.

 

„Wenn nicht gehandelt wird, kann die pflegerische Versorgung nicht aufrecht erhalten werden.“Franz Wagner, Deutscher Pflegerat

Rund um ihr Bett hat sie sich Möglichkeiten geschaffen, um Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Ihre Tür nach draußen ist das Internet. Sie hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und schickt anderen Mut-Mach-Videos, die sie selbst schneidet. Das Tablet bedient sie mit der Nase, den Rechner mit einer Mundmaus. Dank Sprachassistenten kann sie die Höhe ihres Bettes einstellen, den Fernseher einschalten oder Heizung und Licht regulieren. „Ich kann ja allein leben“, sagt sie, „ich brauche nur Hilfe.“ Doch diese zu bekommen, das wird immer schwieriger.

Die neue Regierung in Berlin will den Pflegenotstand mit einer Sofortmaßnahme verbessern. SPD und Union haben im Koalitionsvertrag vereinbart, 8000 zusätzliche Pflegestellen zu schaffen. Doch für Experten ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Präsident des Deutschen Pflegerates, Franz Wagner, forderte Mitte März beim 5. Deutschen Pflegetag in Berlin einen „Masterplan Pflege“. Jeweils 50000 zusätzliche Stellen in der Alten- und Krankenpflege seien erforderlich.„Wenn jetzt nicht entschieden gehandelt wird, dann kann demnächst die pflegerische Versorgung in Deutschland nicht mehr aufrecht erhalten werden“, sagt Wagner. Viele Pflegende seien am Ende ihrer Kräfte.

Das bekommt auch Riedler zu spüren. „Bei meinem Pflegedienst hat jemand aufgehört“, erklärt sie, „sie finden keine neue Kraft und haben mir zum 31. März gekündigt.“ Riedlers Familie versucht, die Aufgaben der Grundpflege zu meistern. Aber ihre Mutter ist alt, krank und am Ende. „Einkaufen, Essen machen, sie füttern, das mache ich alles“, sagt Dorothea Dutschke (80). „Aber wie soll ich meine Tochter aus dem Bett heben, sie waschen?“ Die Seniorin hatte schon einen Schlaganfall und eine Trümmerfraktur in der Schulter. Leise sagt sie: „Ich kann nicht mehr.“ Außerdem braucht Riedler auch Behandlungspflege, die alles Medizinische abdeckt. Sie ist nicht nur vom Hals abwärts gelähmt, sie hat auch Multiple Sklerose, Diabetes, eine Magensonde, einen künstlichen Blasenausgang und ist auf einem Auge blind. „Wenn sie nicht so stark wäre, würde sie nicht mehr leben“, sagt ihre Mutter.

In ein Heim zu gehen, ist für Riedler keine Option. „Das wäre das Schlimmste für mich“, sagt sie. „Ich brauche meine vertraute Umgebung, meine Mutter nebenan. Ich nehme alles in Kauf, wenn ich nur nicht in ein Heim muss.“

Beeindruckt von Riedlers Lebensmut ist auch Dompastorin Margrit Wegner. „Ich kenne sie seit Jahren. Wir haben oft in ihrer Wohnung Abendmahl gefeiert.“ Wenn Riedler mit viel Hilfe und Rollstuhl aus der Wohnung könne, besuche sie fast immer den Dom. „Einige Male war sie im Konfirmandenunterricht und hat von ihrem Glauben erzählt. Das war beeindruckend.“

Riedler wünscht sich sehr, mal wieder den Dom zu besuchen. Doch inzwischen hat sie ihre Wohnung seit neun Monaten nicht verlassen. „Ohne Hilfe schaffe ich es ja nicht mal bis zur Toilette.“ Schon Weihnachten konnte kein Pflegedienst sie versorgen. „Und Ostern wird es wohl wieder so sein“, sagt sie und dreht den Kopf zu Seite.

Von Cosima Künzel

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