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Lübeck Phantomschmerz im Sommer
Lokales Lübeck Phantomschmerz im Sommer
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21:30 01.11.2017
Von Hanno Kabel

Ende März kam ein seltsamer Typ in schlecht sitzendem, grauem Anzug an meine Tür und bat mich um ein Darlehen. Ich war in Frühlingsstimmung, es war Wochenende, was soll’s, dachte ich, ist ja nicht die Welt: eine Stunde nur. Das war alles, was der Mann wollte. Er schwor bei allem, was ihm heilig sei, im Herbst würde er sie zurückgeben.

Als ich am folgenden Tag, einem Sonntag, um acht Uhr aufwachte, war es neun Uhr. Mein Kopf, meine Sinne und meine Glieder protestierten mit bleierner Bettschwere. So ging es von nun an jeden Tag. Der Morgen kam zu früh, der Abend zu spät. Jeden Tag spürte ich den Phantomschmerz der fehlenden Zeit. Ein Trost war, dass es nicht nur mir so ging.

Anscheinend hatte der Mann jeden angepumpt. Oder waren es viele gewesen, eine Armee von Männern in schlecht sitzenden, grauen Anzügen, die durchs Land streiften und Stunden schnorrten?

Ich war sicher, dass die verliehene Zeit futsch war. Solche Geschäfte sollte man nicht an der Haustür machen, schalt ich mich. Doch am vergangenen Sonnabend klopfte es, ich öffnete die Tür, und dort stand ein Mann in schlecht sitzendem, grauem Anzug, gab mir die Stunde zurück und verschwand. Was hatte er mit der Zeit gemacht? Eine Stunde lang Suppe gekocht, Krieg geführt, Gedichte geschrieben, auf dem Klo gesessen?

Egal. Als ich am Sonntag um acht Uhr aufwachte, war es sieben Uhr. Ich drehte mich noch einmal um, und das war so schön, dass ich mit allem wieder versöhnt war. Aber nächstes Jahr, dachte ich beim Wegdösen, nächstes Jahr verlange ich Zinsen.

LN

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