Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Pieskes „Tanz“ im tobenden Südpazifik
Lokales Lübeck Pieskes „Tanz“ im tobenden Südpazifik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:22 14.05.2016
Den einzigen Flautentag der 15-tägigen Härtetour nutzt Burghard Pieske zum Trocknen der warmen Segelbekleidung. Es ist auch der einzige Tag, an dem Fotos möglich waren. Quelle: Fotos: Privat/pieske

Es sollten die härtesten 15 Tage seines Lebens werden. Doch das weiß Burghard Pieske nicht, als der 71-jährige Lübecker mit Segelgefährte Nash Camacho auf dem traditionellen Auslegerboot „Ana-Varu“ von Taiwan aus Richtung Guam startet. 1500 Seemeilen Pazifik liegen vor den beiden. Keine Insel, kein Festland, Kurs Südost.

Zur Galerie
Hier (weiße Linie im Kartenausschnitt, grün sind die Philippinen) trieb es die „Ana-Varu“ entlang. Ganz rechts im Ausschnitt wäre Guam gewesen.

Leider weht der Wind aus Ost bis Südost – also genau aus der Richtung, in die sie segeln wollen. Es bleibt ihnen nichts übrig, als immer hart am Wind zu bleiben. Eine elendige Knüppelei, an Schlaf ist nicht zu denken auf dem Boot, das immer wieder über die erste und zweite Welle springt und dann mit abruptem Halt mit beiden Bugspitzen in die dritte Welle taucht. Nash wird bei solch einer Vollbremsung durchs Cockpit geschleudert, verstaucht sich den Arm. Pieske haut es wenig später von den Beinen, Ergebnis: ein dicker Bluterguss an der Kniescheibe. Doch die beiden bleiben hart.

Ständig müssen sie die Segel wechseln, aus dem Ölzeug kommen die Männer nicht raus. Rumpelwasser, Kabbelsee. Es kracht und scheppert, es rumst, wummert, zischt und knarrt. Rudergehen rund um die Uhr ist angesagt, gegessen wird nur noch kalt.

Ein einziger Flautentag ist den beiden vergönnt, an dem ein wenig Schlaf nachgeholt und die Garderobe getrocknet wird, dann geht’s umso schlimmer weiter: extreme Dünung aus Ost, gewaltige Wasserberge rollen mit weißen Walzen auf die beiden Männer und ihr leichtgewichtiges Boot zu. „Das ist Hochgebirgssegeln mit ständiger Lawinengefahr“, beschreibt es Pieske hinterher. Zwei Tage Seegebrüll, nackte Angst. Über die Windstärke wissen beide nichts zu sagen, der Windgenerator wird in tausend Einzelteile zerlegt. Das sagt genug. Überall Wasser, zwischendrin auch von oben. Nach der zweiten schlaflosen Sturmnacht sind die Männer am Ende. Pieske sieht Lichter, wo keine sind, und schwarze Kreise, Nash hingegen hockt apathisch in der Ecke.

Die beiden ergeben sich. Die Pinne wird festgelascht, die winzige Sturmfock ganz dichtgeholt, die Männer überlassen ihr Geschick der „Ana-Varu“, lassen sich einfach in die falsche Richtung, also nach Westen, treiben – und erreichen nach 15 Tagen auf See das Taucherparadies Palau. Ihre Blessuren werden behandelt, per Flieger geht es zurück in die Heimat, während die leicht lädierte „Ana-Varu“ per Container nach Guam gebracht wird. Denn dort wollten sie eigentlich hin, um vom 22. Mai bis 4. Juni mit ihrem Nachbau eines traditionellen Ausleger-Bootes am „Festpac“ (Festival of Pacific Arts) teilnehmen zu können.

Wenige Tage später sitzt Pieske im schick eingerichteten Häuschen im Stadtteil St. Gertrud, das jedweden Komfort bietet. Nur die riesige Steinfigur, ein Moai von der Osterinsel Rapa Nui, erinnert an die Südsee. „Es war vielleicht das Abenteuer meines Lebens“, sagt Pieske. Überlebt haben er und Nash das Abenteuer vielleicht nur, weil Pieskes Freund Dieter Holzmann aus Bad Schwartau immer am PC saß und die beiden Extremsegler über einen Satelliten-Empfänger und -Sender „durch die See und den Sturm lotste“.

Bei seiner Härtetour hat Pieske wieder einmal einiges gelernt. Zum Beispiel über die Freundlichkeit der Menschen und die Begeisterung für ihre Mission in Taiwan, wo sie sich vier Wochen lang auf ihre Überfahrt vorbereiteten. Und über die Schlauheit der Polynesier, die bereits vor 300 Jahren beim Bau ihrer Ausleger-Boote wussten: „Wir können nicht gegen die See kämpfen, wir können nur auf ihr tanzen.“

Mittwoch bricht Pieske auf nach Guam – diesmal in Begleitung von Ehefrau Silke und per Flieger.

Segelnder Abenteurer und Pädagoge

1944 wird Burghard Pieske in Lübeck geboren. Er geht zur Handelsmarine, erwirbt das Kapitänspatent, studiert und wird Lehrer.

Mit dem selbstgebauten Katamaran „Shangri-La“ umsegelt er die Welt, mit einem nachgebauten Wikingerschiff, der „Wiking Saga“, überquert er auf den Spuren von Leif Eriksson den Atlantik, und von Tonga aus macht er sich allein mit der offenen Schaluppe „Bounty Bay“ auf, um die Reise des Kapitäns William Bligh nach der Meuterei auf der „Bounty“ nachzuvollziehen. Nebenbei betreut er das soziale Projekt „Euro-Viking“ mit Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und berät als „Ober-Wikinger“ Bully Herbig und das Filmteam, als der „Wickie“-Film gedreht wird.

Bei seinem aktuellen Experiment will Pieske in mehreren Etappen im nachgebauten Auslegerboot, wie es die Polynesier schon vor 3000 Jahren nutzten, die einstige Migrationsroute der Völker des Südpazifiks ersegeln und erfahren. Vor Ort will er jeweils einheimische Mitsegler finden. Nash Camacho stammt von Guam, der größten und südlichsten Insel des Marianen-Archipels im Westpazifik. Beim Festpac präsentieren 27 pazifische Staaten Kunst, Tänze, Musik – und ihre Schiffe. Pieske ist eingeladen, auch seine „Ana-Varu“ zu präsentieren.

Sabine Risch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

15 Prozent ist der Anteil der Haushalte in der Hansestadt, in denen Kinder leben. Die meisten Familien haben ein Kind – das sind 11186 Haushalte.

14.05.2016

Die Freiwillige Feuerwehr hat den Vögeln einen Nistplatz am Gerätehaus gebaut.

14.05.2016

Mit Regencapes und Sonnenbrillen: Feiern auf der „Spielwiese“.

14.05.2016
Anzeige