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Lübeck Plötzlich ein Text von Heinrich Böll
Lokales Lübeck Plötzlich ein Text von Heinrich Böll
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10:15 22.12.2017
Gudrun Neuper (53) vom Landesvorstand der Heinrich-Böll-Stiftung liest im Naturkost-Supermarkt Landwege an der Kanalstraße einen politischen Text von Böll. Quelle: Foto: Lutz Roessler
Innenstadt

Strahlend kommt Maren Püplichhuisen (62) auf die Galerie im Kaffeehaus an der Hüxstraße. An einem Tisch in der Ecke sitzt Volker Schauer (69) mit einem Taschenbuch im 70er-Jahre-Design, Titel: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“. „Ich hab’ sofort erkannt, dass das Böll ist“, sagt Püplichhuisen. „Heinrich Böll war einer meiner Lieblingsautoren während meiner Schulzeit.“ Gerade habe sie sich beim Aufräumen die Bücher von Böll zurechtgelegt, um sie wieder zu lesen. „Mich fasziniert seine Fähigkeit, unterschwellige Stimmungen wiederzugeben.“

Diesmal ging es nicht um Günter Grass: Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll wäre am Donnerstag 100 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren haben Mitglieder und Freunde der Heinrich-Böll-Stiftung an zehn Orten in der Innenstadt je zehn Minuten lang Texte von ihm vorgelesen.

Aus dem Sammelband hat Volker Schauer die Erzählung „Mein Onkel Fred“ ausgewählt, eine Geschichte aus der Nachkriegszeit, erzählt aus der Sicht eines Jungen, in der es um einen Kriegsheimkehrer und um Schwarzmarktgeschäfte geht. Schauer ist begeistert von der Idee der Heinrich-Böll-Stiftung, den Geburtstag ihres Namenspatrons mit zehn unangekündigten Lesungen zu je zehn Minuten an ungewöhnlichen Orten in der Innenstadt zu feiern. „Ich hab’ sofort ja gesagt“, sagt er. „Heinrich Böll hat in meiner Jugend für mich viel bedeutet.“ Schon als Schüler habe er „Ansichten eines Clowns“

gelesen, ein Buch, das mit ehemaligen Nationalsozialisten und der katholischen Kirche hart ins Gericht geht. „Ich finde, dass Heinrich Böll bei aller Kritik liebevoll schreibt“, sagt Schauer.

Die Heinrich-Böll-Stiftung steht der Grünen Partei nah und setzt sich für Menschenrechte, soziale Teilhabe, Frieden und Freiheit ein. Der Schriftsteller Heinrich Böll verstand sich als politischer Intellektueller. Noch mehr als für seinen zehn Jahre jüngeren Kollegen Günter Grass bedeutete das für ihn, dass er öffentlich auftrat. Ein berühmtes Beispiel war seine Rede vor 300000 Friedensdemonstranten im Bonner Hofgarten 1981.

Annette Schoner (68), ihr Mann Oskar (76) und Werner Meyer (68) haben sich zusammen an einen Tisch im Naturkost-Geschäft Landwege an der Kanalstraße gesetzt, wo Gudrun Neuper (53) vom Landesvorstand der Böll-Stiftung „Was heißt hier konservativ“ vorliest, einen ausgesprochen kämpferischen, politischen Text. Im Gespräch kommt heraus, dass sie alle unabhängig voneinander an der Hofgarten-Demo teilgenommen und Heinrich Böll reden gehört haben.

„,Billard um halbzehn‘ war für mich 1967 Schullektüre“, sagt Werner Meyer. „Meine Erinnerung daran ist schwach. Ich konnte da nicht so ganz viel mit anfangen.“ Aber alle drei stimmen überein in ihrer Bewunderung für Bölls politische Haltung. „Er war ein Kritiker der verstaubten Adenauer-Republik“, sagt Oskar Schoner, und seine Frau fügt hinzu: „Menschen, die so bei sich bleiben und so ihre Linie behalten – das finde ich bewundernswert.“

Streitbarer Intellektueller

Als der Schriftsteller Heinrich Böll 1972 den Literaturnobelpreis bekam, war das die bis dahin größte Anerkennung der deutschen Literatur, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war. Böll, ein Mitglied der legendären Gruppe 47, verarbeitete in seinen Werken oft politische Themen und trat in der Öffentlichkeit als streitbarer Linksintellektueller auf.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ (1958), „Billard um halbzehn“ (1959), „Ansichten eines Clowns“ (1963), „Gruppenbild mit Dame“ (1971) und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974).

 Hanno Kabel

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