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Lübeck Pokémon spielt mit Stolpersteinen
Lokales Lübeck Pokémon spielt mit Stolpersteinen
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23:03 13.08.2016
Die kleinen Gedenktafeln für NS-Opfer in Lübeck tauchen als Stops im Handy-Spiel auf. Quelle: Olaf Malzahn

Die Spielfigur mit Baseballcap und Rucksack wandert entlang der virtuellen Karte, die das Handy anzeigt. Mehrere blaue Punkte zeigen an, dass es in der Breiten Straße zahlreiche „Pokéstops“ gibt. Kommt man dicht genug an den Pokéstop, bekommt der Spieler Punkte und Gegenstände, die er bei Pokémon Go gut gebrauchen kann. Das Rathaus ist so ein Pokéstop. Aber auch einige Stolpersteine Lübecks, was auf einiges Unverständnis stößt.

Die goldenen Gedenktafeln, die in den Boden eingelassen werden, sollen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Sie sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig und sollen den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern herabgewürdigt wurden, einen Namen geben. „Es ist eine Geschmacklosigkeit und sehr gedankenlos“, findet Demnig. Gar nichts hält er von dem Argument, dass man Jugendliche mit Pokémon Go für die Stolpersteine begeistern könnte. „Das ist Quatsch, didaktisch kommt da nichts rüber.“

Die Initiative Stolpersteine für Lübeck schließt sich an: „Die Gedenksteine werden in diesem Spiel ohne Sinn und Verstand für einen kommerziellen Zweck missbraucht“, erklärt Heidemarie Kugler-Weiemann von der Stolpersteine-Initiative. Der Künstler sei nicht nach seinem Einverständnis gefragt worden. „Sein großes, dezentrales Mahnmal wird zum Schauplatz einer Jagd auf virtuelle Fantasiewesen und deren Kämpfe.“

Auch an der Jakobikirche können Pokémon-Spieler Punkte einsammeln. Pastor Lutz Jedeck findet das eher unproblematisch. „Aber die Kirche ist auch ein öffentlicher Ort, an dem Schönes passiert. Die Stolpersteine geben Trauer und Gedenken Raum“, sagt er. Die Bedenken des Künstlers und der Stolperstein-Initiative seien deshalb nachvollziehbar. Dass die Stolpersteine im „Erweiterte-Realität-Spiel“

zu Pokéstops geworden sind, versucht sich die Initiative für Stolpersteine zu erklären. „Die Lage der Gedenksteine ist im Internet mit genauen Koordinaten verzeichnet. Auf diese frei verfügbaren Daten hat offenbar die Firma Niantic zugegriffen“, sagt Heidemarie Kugler-Weiemann.

Nach den Angaben der Entwickler sind die Pokéstops allerdings durch App-Nutzer zustande gekommen. Vor Pokémon Go entwickelte Niantic das Spiel „Ingress“. Hier konnten die Spieler selbst interessante Orte markieren und ihre Vorschläge einreichen. Pokémon Go greife auf die damals erstellte Karte zu. Unangemessene Stops können von den Gamern allerdings gemeldet werden. Niantic prüfe dann den betreffenden Ort. Gegebenenfalls würde der Pokéstop dann gelöscht. An das Feingefühl der Spieler appelliert die Stolpersteine-Initiative. „Wir bitten die Spieler, die Funktion der App zu nutzen und dem Hersteller die einzelnen Stolpersteine als unangemessene Orte für das Spielvergnügen anzuzeigen“, sagt Kugler- Weiemann.

Und wie sehen Lübecks Pokémon-Spieler die Debatte um die Stolpersteine? „Diejenigen, die die Mahnmale als Stops in der Karte markiert haben, haben sich bestimmt etwas dabei gedacht; und ich glaube nicht, dass das böswillig war“, sagt Monika Siemssen (29). Auch der 15-jährige Jannik Röker jagt die bunten Tierwesen. „Ich wusste, ehrlich gesagt, gar nicht, was Stolpersteine sind“, gesteht er.

Wenn er im Spiel auf den blauen Punkt klickt, erscheint ein Foto mit den goldenen Tafeln. „Stolpersteine für Familie Sussmann“ steht darüber. Auch der Text auf den Gedenktafeln ist zu erkennen.

Jannik hat die Stolpersteine im Internet gesucht, nachdem er mehrfach in der Innenstadt auf sie gestoßen ist. „Ob alle in meinem Alter einfach an den Stops vorbeilaufen und die Punkte einsammeln, weiß ich nicht. Aber ich wollte gerne wissen, warum sie da sind“, sagt der Jugendliche.

 Tomma Petersen

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