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Lübeck Politstreit blockiert Bürger-Engagement
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20:12 30.06.2016
Sanierungsstau im Freibad Schlutup: Toiletten, Duschen und Umkleidekabinen stammen aus den Gründungsjahren der Anlage am Palinger Weg. Der Gemeinnützige Verein möchte das Bad in ein zeitgemäßes Freizeitzentrum verwandeln. Quelle: Fotos: Felix König

„Das Freibad strahlt den Charme der späten 1950er-Jahre aus“, sagt Achim März. Umkleidekabinen und Sanitäranlagen seien nicht mehr zeitgemäß. Von den Duschen und Toiletten geht es über den ganzen Platz zu den Umkleideräumen – das sei Älteren und Familien mit kleinen Kindern nicht mehr zumutbar, erklärt der Vorsitzende des Gemeinnützigen Vereins Schlutup. „Halb nackig müssen die Leute über den Platz laufen“, hat das Schlutuper Bürgerschaftsmitglied Volker Krause (BfL) jetzt im Hauptausschuss die Lage geschildert. Der Gemeinnützige Verein will Sanierungsmaßnahmen aus eigener Tasche bezahlen und braucht dafür die schnelle Genehmigung der Stadt. Doch Politiker von CDU und SPD liefern sich jetzt erst einmal ein Scharmützel – und die Entscheidung bleibt aus. Achim März: „Es geht nicht um Parteipolitik. Wir wollen vorankommen.“

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Gemeinnütziger Verein will Umkleide- und Sanitärräume im Freibad Schlutup auf eigene Rechnung sanieren und braucht eine schnelle Entscheidung – SPD und CDU beharken sich, statt grünes Licht zu geben.

Autor Kai Dordowsky (55) über den Freibad-Streit zwischen SPD und CDU.

Der Verein hat ein Konzept erstellt und die Pläne dem Eigentümer, den Lübecker Schwimmbädern, vorgestellt. Ein Hamburger Architekturbüro hat die Kosten geschätzt. Alles in allem liegt ein erheblicher Sanierungsstau im Freibad am Palinger Weg vor. Es fehlt eine Filteranlage, die Warmwasseraufbereitung steht kurz vor dem Versagen, die Anlage ist nicht barrierefrei, Schmutz- und Regenwasserleitungen müssen getrennt werden, ein Gebäude muss abgedichtet werden, Umkleidekabinen, Duschen und Toiletten sind dringend renovierungsbedürftig. Insgesamt liegt der Investitionsbedarf bei rund 800000 Euro.

Die technischen Anlagen und die Entsorgungsleitungen sind Sache der Stadt. Da will und kann der Gemeinnützige Verein nicht ran. „Aber alles, was oben ist, wollen wir anpacken“, erklärt Achim März, der seit 52 Jahren in Schlutup lebt und im Freibad seine Jugend verbrachte. Für die Neugestaltung der Umkleideräume und Sanitäranlagen sowie die Abdichtung eines Gebäudes muss der Verein um die 350000 Euro aufbringen. Sobald die Stadt grünes Licht gibt, will der Verein Sponsoren und Stiftungen ansprechen.

Die Stadt wird ihre Maßnahmen auf keinen Fall in diesem Jahr schaffen. Förderprogramme des Landes, die die Verwaltung zur Finanzierung von Technik und Leitungen braucht, könnten erst im nächsten Jahr angezapft werden, sagt Bildungs- und Kultursenatorin Kathrin Weiher (parteilos). Der Gemeinnützige Verein hat den Politikern seine Pläne vor 14 Tagen vorgestellt. Vertreter von SPD, CDU, BfL und Grünen saßen in der Schlutuper Runde. Achim März hatte anschließend das Gefühl, dass sich alle einig seien. Doch dann tagte der Hauptausschuss. Die CDU brachte einen Dringlichkeitsantrag ein.

Christopher Lötsch (CDU): „Um zur nächsten Saison fertig zu werden, muss die Abstimmung mit der Stadt jetzt beginnen.“

Andere Fraktionen, allen voran die SPD, sahen die Dringlichkeit nicht. Bürgerschaftsmitglied Ingrid Schatz (CDU) reagierte empört: „Die SPD verzögert die Sanierungsarbeiten.“ Wertvolle Zeit, die in Planung und Bauvorbereitungen investiert werden könnte, würde jetzt verstreichen. SPD-Fraktionschef Jan Lindenau konterte prompt. Die CDU würde das Engagement der Bürger für parteipolitische Spielchen missbrauchen. Im nächsten Hauptausschuss am 19. Juli könnten SPD und CDU gemeinsam grünes Licht geben. Dann spielte Lindenau den Ball an Senatorin Weiher weiter. Die solle der Politik jetzt konkrete Umsetzungsschritte aufzeigen. Lindenau: „Bisher hat sich Senatorin Weiher Gesprächen verweigert, sie muss die Zukunft der Schwimmbäder zur Chefsache machen.“

Dieser Streit ist das Letzte, was der Gemeinnützige Verein braucht. Denn die Bürger stehen in den Startlöchern. Aber ohne die Genehmigung der Stadt können sie nicht loslegen. Vorsitzender März:

„Sobald das Freibad schließt, sollen die Bauunternehmen bereitstehen. Bis dahin soll auch die Finanzierung stehen.“ Können die Bürger das überhaupt? März verweist auf die Erneuerung des Schlutuper Marktes vor vier Jahren. 180000 Euro wurden verbaut – ohne einen Cent von der Stadt.

Geschichte des Freibads

1958 wurde die Anlage eingeweiht. Wasser kam aus einem Brunnen und hatte frostige acht Grad. 1963 wurde eine Warmwasseraufbereitung eingebaut.2003 wurden das Schwimmbecken und die Technik erneuert. Die Stadt investierte 844 000 Euro. Für die Einrichtung eines Kleinkinderbeckens sammelte der Gemeinnützige Verein 45 000 Euro.

29 385 Besucher zählte das Freibad in den vier Sommermonaten des vergangenen Jahres – 1021 mehr als im Vorjahr.

So schürt man Politikverdrossenheit

Lübeck kann sich glücklich schätzen, dass so viele Bürger, Vereine und Verbände nicht jammern, sondern selbst anpacken, wenn vor ihrer Haustür etwas im Argen liegt. Viele haben erkannt, dass die Stadt zu finanzschwach und oft mangels Personal auch zu langsam ist, um Bauvorhaben anzuschieben. Also nehmen sie die Dinge selbst in die Hand. Wie der Gemeinnützige Verein Schlutup, der das marode Freibad in Teilen auf eigene Rechnung sanieren will. Umso unverständlicher ist, dass Politiker sich darüber zerstreiten. Und dabei tief in die Mottenkiste greifen und sich alte Beschlüsse um die Ohren hauen, wer wann für oder gegen welches Frei- oder Hallenbad gestimmt hat. Das löst den aktuellen Fall nicht. Bürger, die sich engagieren, brauchen grünes Licht für ihr Engagement, sonst geben sie frustriert auf. So schürt man Politikverdrossenheit.

Kai Dordowsky

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