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Lübeck Possehlbrücke: Jetzt wird gebohrt
Lokales Lübeck Possehlbrücke: Jetzt wird gebohrt
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12:41 07.04.2017
Abgeschüttelt: Der Spezialbohrer rotiert den Bohrkopf nach links und nach rechts – und wirft die morastige Erde ab, die er aus der Tiefe herausgedreht hat. Er schafft Platz für die Betonpfähle, die dort gegossen werden. Sie sollen die Widerlager der Brücke tragen. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Die kurzen dicken Spitzen des Bohrkopfs prallen wuchtig auf den Erdboden. Sie brechen sich zuerst Bahn. Dann drehen sich unaufhaltsam die drei Schneidplatten hinein. Stopp. Senkrecht zieht ihn eine riesige Teleskopstange wieder heraus aus dem Untergrund. Sie selbst scheint im Himmel zu verschwinden, hängt sie doch an einem Kran, der 25 Meter in die Höhe ragt. Mannshoch ist dieser Bohrkopf. Massiv und jetzt voller Dreck. Unter lautem Getöse rotiert er – nach links und nach rechts. Die massige, dunkle Erde fällt erst nur zögerlich ab – dann fliegt sie in alle Richtungen. Schwarz, morastig und voller Holzspäne liegt die Erde neben dem monströsen Spezialbohrer, einem Kettenfahrzeug.

Nach langem Stillstand auf der Baustelle ist jetzt eine Spezialmaschine im Einsatz – Es werden 32 Pfähle in den Untergrund geschraubt – Ab 24. April kommt die Baustellen-Ampel.

Gleich neben dem Fahrerhäuschen – nur einen Meter höher – rauschen die Autos entlang. Sie rollen stadteinwärts über die eine Hälfte der Possehlbrücke. Dort, wo die andere Hälfte war, steht jetzt der Spezialbohrer. Er bohrt Pfähle 20 Meter tief ins Erdreich – noch tiefer als die Trave. Auf denen sollen die neuen Widerlager stehen, und darauf die neue Brücke. Zum ersten Mal wird auf dieser Baustelle stetig gearbeitet. Nachdem sich alles um anderthalb Jahre verzögert hat, weil alles so schwierig ist zwischen der Stadt und der Baufirma. Seit März 2015 ist die Brücke halbseitig gesperrt.

Im Juni 2018 soll alles fertig sein. Zwischen 12,5 und 15,1 Millionen Euro kostet die neue Brücke – so der letzte Stand.

„Das ist eine aufwendige Baustelle“, macht Dieter Schmedt klar, Brückenbauingenieur der Stadt. Das hat mehrere Gründe. Einer der wichtigsten: Die alte Brücke steht noch zur Hälfte – damit die Wagen wenigstens stadteinwärts fahren können. Ab 24. April soll eine Baustellen-Ampel Abhilfe schaffen.Sie wurde am Freitag bereits aufgebaut.

Quelle: Holger Kröger

Dann geht es im Wechsel in beide Richtungen über die Brücke. Ein Test. Bei täglich 32 500 Wagen eigentlich sinnvoll. Aber dadurch fehlt Platz für die Baustelle. Sie ist nur 25 mal 15 Meter groß. Nicht viel Raum, bedenkt man, dass der Spezialbohrer an sich schon viel Platz beansprucht. Mit seiner Hilfe müssen vier, fünf Arbeiter jetzt 32 Bohrpfähle auf beiden Uferseiten für die erste Hälfte des Brücken- Neubaus versenken. Vier davon haben sie auf der Seite des Ruder-Klubs schon geschafft. Sie stecken parallel zur Kanal-Trave 20 Meter tief im Erdreich und sind nicht mehr zu sehen. Ein Bohrpfahl benötigt einen halben bis einen Tag Zeit.

Jetzt werden vier weitere gebohrt. Der erste ist heute dran. Zunächst presst der riesige Bohrer Rohre in den Boden – mächtige Stahlhüllen mit 80 Zentimeter Durchmesser. Die einzelnen Rohr-Segmente sind zwei bis drei Meter lang und werden nach und nach in den Boden gedrückt. Dann schraubt der Spezialbohrer den Bohrkopf durch das Stahlrohr hinein in den Boden. Trifft er auf einen Findling, wird der Bohrkopf gewechselt – und noch massiveres Material eingesetzt. Ist die Erde entfernt, stecken die runden Stahlrohre noch im Boden. Ein 20 Meter langer Bewehrungskorb wird hineingeschoben – ein löchriges Stahlgeflecht. Steckt es im Boden, wird Beton hineingefüllt, und gleichzeitig werden die Segmente der Stahlhülle herausgezogen.

„Der Baugrund ist anspruchsvoll“, sagt Björn Engelbrecht, der die Baustelle für die Stadt überwacht. Denn mal ist er lehmig, mal morastig – und immer ist Holz mit dabei. Denn vor mehr als hundert Jahren wurde die erste Brücke an dieser Stelle errichtet. Sie wurde tief im Erdreich auf Holzpfählen gegründet. Als der Kanal 1900 erbaut wurde, mussten die Eisenbahnschienen zum damaligen Bahnhof am Holstentor führen. Die Gleise verliefen über die heutige Possehlstraße, die deshalb so schnurgerade ist – und eben über die erste Brücke über den Kanal. Der Bahnhof ist mittlerweile Vergangenheit, die Bahnschienen auch. Die Brücke indes nicht. 1956 wurde dort eine neue für Autos errichtet – aber auf der alten Gründung mit den Holzpfählen. Die stecken immer noch in der Erde. „Aber wir können sie nicht noch einmal verwenden“, macht Schmedt klar. Deshalb wird jetzt gebohrt.

Gute zwei Wochen wird noch auf der Uferseite des Ruder-Klubs gearbeitet, dann zieht der Spezialbohrer um auf die Uferseite des Buniamshofs. Ende Mai sollen die Betonpfähle tief im Boden stecken – dann kommt eine riesige Pfahlbohrkopfplatte darauf, die die Pfähle miteinander verbindet. Darauf wird das Widerlager errichtet – und wiederum darauf die neue Brücke. Und Ende des Jahres soll die erste Hälfte der neuen Possehlbrücke fertig sein. Dann geht es auf der anderen Seite weiter. Im Juni 2018 soll die neue Possehlbrücke schließlich fertig sein. So der Plan.

 Josephine von Zastrow

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