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Lübeck Glücksritter und Gauner vom Berliner Alex
Lokales Lübeck Glücksritter und Gauner vom Berliner Alex
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17:48 15.09.2018
Am Boden I: Henning Sembritzki als Franz Biberkopf und Sophie Pfenningstorf als Mieze in glücklichen Tagen. Quelle: FOTOS: FALK VON TRAUBENBERG (2); OLAF MALZAHN (1)
Lübeck

Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“, veröffentlicht 1929, im Jahr des New Yorker Börsenkrachs, gehört zweifellos zu den wichtigen deutschsprachigen Büchern des 20. Jahrhunderts. Im Großen Haus des Lübecker Theaters ist nun eine Bühnenfassung von Andreas Nathusius zu sehen. Neun Darsteller liefern in der Inszenierung einen starken Abend.

Regisseur Andreas Nathusius formte am Theater Lübeck einen großen Abend nach Alfred Döblins erfolgreichstem Roman.

Aus rund 500 Buchseiten einen Dreistundenblock herauszuschlagen, ist schon eine Leistung. Denn Döblins erfolgreichstes Werk ist nicht in schlichter Erzählmanier geschrieben. Die Hauptperson Franz Biberkopf spricht mal in der ersten Person, wechselt im nächsten Satz zum Erzähler-Er. Zwischen berichtende Passagen sind philosophische oder theologische Texte geschoben. Die abgehackte Sprache der Kneipenbesucher wird benutzt, Gereimtes scheinbar ungereimt eingestreut. Aber das alles goss Döblin in eine dichterische Form.

Die Melodie der aufstrebenden Großstadt

Roman und Spielfassung entführen ins Berlin Ende der Zwanzigerjahre. Die amerikanische Krise fordert auch in Europa Opfer. Im Grunde aber spielt Döblin die Melodie der aufstrebenden Großstadt. Am Berliner Alex gibt es neue Geschäfte und riesige Baustellen. Rammen schlagen Gleise für neue Linien der Elektrischen ein. Die Zeit ist hektisch geworden. Wer nicht mithalten kann, gerät unter die Räder.

Franz Biberkopf, Zementarbeiter und Möbeltransporteur, kommt aus dem Knast. Er hatte im Affekt eine Freundin erschlagen, hat vier Jahre abgesessen. Nun ist er frei, will ein anständiger Mensch werden.

Unverschuldet gerät er an Verbrecher, wird wegen laut geäußerter Skrupel aus dem fahrenden Auto gestoßen, verliert den rechten Arm, wird Lude, landet unter Mordverdacht im Irrenhaus. Noch einmal ins Leben zurückgeworfen, fristet er seine Tage als Hilfsportier.

Das alles wird nicht schlankweg erzählt. Andreas Nathusius als Regisseur setzt eine Szenencollage zusammen, die die Stadt und den Freundeskreis lebendig werden lässt. Es beginnt mit einer Art Vorspiel auf dem Theater. Aber anders als in Goethes „Faust“ reden nicht Gott und der Teufel, sondern der Satan mit dem Dulder Hiob. Ein Dulder ist Franz freilich nicht, das sind die Frauen in diesem Stück. Die Schlussabrechnung mit Franz hält der Tod, der sein Opfer mehrere Male ins Leben zurückschickte.

Wir feiern heute Abend um 19.30 Uhr im Großen Haus die Premiere von »Berlin Alexanderplatz« nach dem Roman von Alfred...

Gepostet von Theater Lübeck am Freitag, 14. September 2018

Das Bühnenbild von Annette Breuer zeigt vor dunklem Rundhorizont hohe schwarze Mauerteile. Sie lassen sich drehen, wandern, bieten durch helle Leuchtröhren wechselnde Stimmungen. Kleine Szenen werden zu großen Theatermomenten. Etwa das Gezänk zweier Juden (Sven Simon, Robert Brandt). Die Mädchen mit Berliner Dialekt deuten Schicksale nur an und werden doch verstanden.

Opfer in der Fleischfabrik

Die Zusammenhänge schildert der „Ausrufer“. Michael Ruchter ist Erzähler, Kommentator, Dompteur in einer Person. Andreas Hutzel liefert als stotternder Gauner eine großartige Leistung. Die Schlachthofszenen bringt Peter Grünig auf den Punkt, wird selber Opfer in der Fleischfabrik. Mehrere Male werden Anspielungen auf biblische Szenen eingebaut. Im Paradies gibt es sogar eine echte Schlange. Wer die Geschichte von Abraham und Isaak kennt, merkt schnell, wie am bürgerlichen Gottesbild gekratzt wird. Sechs Darsteller bilden immer wieder einen kommentierenden Sprechchor.

Susanne Höhne hat nicht nur ihren großen Auftritt als Tod. Sie greift zum Akkordeon, erinnert singend an die „Golden Twenties“. Henning Sembritzki als Biberkopf spielt den unbekümmert Optimistischen ebenso sicher wie zu Beginn den Suchenden in der neuen Freiheit. Rührend sind die Mieze und auch der Isaak von Sophie Pfennigstorf. Claudia Wiedemer gestaltet die biedere Minna und die schillernde Cilly mit sicheren Strichen. Bei Sven Simon, Robert Brandt und Peter Grünig sind die diversen Rollen in besten Händen. Die Zuschauer spendeten nach exakt 200 Minuten, Pause inklusive, langen Beifall.

Konrad Dittrich

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