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Lübeck Prozess: Zuhälterei und Zwangsprostitution
Lokales Lübeck Prozess: Zuhälterei und Zwangsprostitution
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20:57 08.01.2018
Lübeck

April 2017. Die Polizei findet die 19-jährige Jana S. (Name geändert) mit einer Wunde am Kopf und Schmerzen im Unterleib in ihrer Travemünder Wohnung. Ihr Freund (26) sitzt auf dem Sofa, darunter hat er einen Schlagring versteckt. Als die Polizisten fragen, was vorgefallen sei, schweigen beide. Erst zwei Tage später fängt Jana S. auf der Polizeiwache und in Begleitung ihres Vaters an zu sprechen. Darüber, dass sie sich am Tag des Vorfalls endgültig von Johannes G. trennen wollte, er daraufhin zu Hundeleine und Schlagring griff. Und darüber, was ihr Freund ihr im vergangenen Jahr angetan haben soll.

Jetzt erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage. Sechs Verhandlungstage sind im Landgericht angesetzt, sechs Zeugen und ein Sachverständiger geladen. Hauptanklagepunkt: Johannes G. soll seine Freundin viele Male in Hamburg, Bremen und Neustadt als Zuhälter an Freier und Pornofilmer vermittelt haben. Das Geld für Sex, auch mit mehreren Männern, und vor laufender Kamera habe ausschließlich Johannes G. kassiert – nach jedem Treffen zwischen 300 und 1000 Euro. Damit habe er Schulden begleichen und seinen Gras- und Kokainkonsum finanzieren wollen, gibt die 19-Jährige später zu Protokoll. Sie selbst habe das alles gar nicht gewollt.

Ob sie keinen Ausweg hätte finden können, fragt die Richterin verschiedene Zeugen während der Verhandlung. Aus Angst, von ihrem Freund geschlagen zu werden, habe sie den Sex über sich ergehen lassen, sagt eine Polizistin, die die Ermittlungen im April aufnahm. Ihr Freund habe ihr nicht nur mit körperlicher Gewalt gedroht, erzählt eine gute Freundin des Opfers. Sie war die Einzige, mit der Jana S.

über ihr Leben als Prostituierte redete. „Er drohte damit, ihrer Familie und ihrem Chef von ihrer Arbeit zu erzählen“, sagt die ebenfalls 19-Jährige. Dabei hatte sie gerade eine Ausbildung angefangen. Auch drohte er damit, ihr Kaninchen zu töten und verbot ihr, das Haus ohne seine Einwilligung zu verlassen.

Den Männern, die die Dienste von Jana S. in Anspruch nahmen, sich mit ihr zum Gruppensex und zu Pornodrehs trafen, fiel bei den Treffen laut eigener Aussage nicht auf, dass die Darstellerin nicht aus eigenem Willen heraus mitmachte. „Der Kontakt lief zwar über ihren Freund, aber wir haben ihr das Geld in die Hand gegeben“, sagt ein Zeuge aus Hamburg, der sie für zwei Sexorgien mit sechs Männern buchte. Kondome benutzten die Freier während der Treffen nicht.

Ein Zeuge aus Bremen drehte mit Jana S. zwei Pornofilme. Vor dem Dreh habe er sie und ihren Freund persönlich getroffen und keine Verängstigung gespürt. „Sie war ja noch in der Ausbildung“, so der 48-Jährige. „Ich dachte, sie will sich was dazu verdienen.“

Es ist nicht nur die Zwangsprostitution, für die sich der 26-Jährige vor Gericht verantworten muss. Auch wegen gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung in zwei Fällen wird Johannes G.

angeklagt. So habe er seine Freundin zum Verkehr gezwungen, dabei ihre Arme so festgehalten, dass sie sich nicht wehren konnte.

Seit August sitzt der 26-Jährige in Untersuchungshaft in der Lübecker Justizvollzugsanstalt. Bis Ende Februar sind fünf Verhandlungstage angesetzt. Erst dann fällen die Richter ein Urteil.

 sbu

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