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Lübeck Psychisch Kranke: Lübeck braucht neue Einrichtungen
Lokales Lübeck Psychisch Kranke: Lübeck braucht neue Einrichtungen
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20:50 08.03.2018
„Die Kliniken haben keine Plätze für die langfristige, geschlossene Unterbringung“, erklärt Dr. Michael Hamschmidt, Leiter des Gesundheitsamtes.  Quelle: fotolia
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Lübeck

Die teuerste Forderung steht an Platz eins des Katalogs. Lübeck braucht nach Auffassung der Experten von Gesundheitsamt, Krankenkassen, Kliniken und Trägern wie der „Brücke“ oder der Vorwerker Diakonie eine neue Einrichtung mit 20 Plätzen für Menschen, die für mehrere Monate oder sogar einige Jahre in eine geschlossene Unterbringung müssen. Diese Einrichtung würde zweieinhalb Millionen Euro im Jahr kosten – den Löwenanteil müsste das Land tragen, eine halbe Million Euro die Stadt.

15 Punkte umfasst der Katalog der Handlungsempfehlungen, den Psychiatrie-Experten jetzt vorlegen. Es geht um neue Einrichtungen und zusätzliche Stellen. Und um Millionen Euro an Kosten. Die Zahl der Kranken nimmt stetig zu, ebenso die Zahl der Zwangseinweisungen.

„Die Kliniken haben keine Plätze für die langfristige, geschlossene Unterbringung“, erklärt Dr. Michael Hamschmidt, Leiter des Gesundheitsamtes. Wenn Behörden und Gerichte die Menschen einweisen, blockieren sie die Plätze für Akutfälle. Es gebe in Lübeck bisher nur ein Haus mit solchen langfristigen Plätzen, sagt Hamschmidt und nennt den Birkenhof. „Wir haben dort 48 Plätze“, bestätigt Lutz Regenberg, Sprecher der Vorwerker Diakonie, „und das Haus ist immer gut ausgelastet.“ Das Haus verfügt über eine Sicherheitsschleuse und einen Zaun, denn hier leben psychisch kranke Menschen, die sich und andere gefährden könnten.

Für Jugendliche mit schweren, psychischen Erkrankungen fordern die Experten eine Intensiveinrichtung mit fünf Plätzen und eine therapeutische Wohneinrichtung. Die Awo-Drogenhilfe regt eine Pflege- und Wohneinrichtung für ältere Drogensüchtige an. Hamschmidt: „Abhängige von illegalen Drogen werden immer älter, sie brauchen Pflege.“ Auch Obdachlose mit schweren, psychischen Erkrankungen brauchen nach Auffassung der Experten eine eigene Einrichtung. Hamschmidt: „Es gibt sogenannte Systemsprenger, die in den Obdachlosenunterkünften nicht zurechtkommen und lieber auf der Straße schlafen.“ Das sei aber keine Lösung, wenn es draußen bitterkalt wird.

Die „Brücke“ setzt sich dafür ein, dass mehr preiswerte, kleine Wohnungen für psychisch Kranke gebaut und auch an diese vermietet werden. Das Zentrum für Integrative Psychiatrie des UKSH braucht dringend Geld, um Dolmetscher zu bezahlen, wenn psychisch kranke Ausländer behandelt werden müssen. „Die Finanzierung ist momentan sehr problematisch“, erklärt Michael Hamschmidt. Arbeiterwohlfahrt und Diakonie warten auf zwei Vollzeitstellen in den Suchtberatungsstellen, die vom Land finanziert werden sollen. Das Land soll auch eine Fachstelle für Glücksspiel und Medien bezahlen.

Der Psychiatriebericht 2017 zeigt auf, dass auch in Lübeck wie bundesweit die Zahl der Erkrankungen stetig zunimmt. Und zwar in allen Altersklassen. Auf der Rangliste aller Behandlungen in Lübecker Kliniken stehen psychische und Verhaltensstörungen bereits an dritter Stelle – hinter Kreislauferkrankungen und Verletzungen. Bei der Arbeitsunfähigkeit rangieren psychische Erkrankungen landesweit bereits an zweiter Stelle, auch Frühverrentungen sind landes- und bundesweit deutlich angestiegen. „Allein wir sind mit 3000 psychisch Kranken in Kontakt“, erklärt Geschäftsführer Frank Nüsse von der „Brücke“. Zahlreiche Träger, Kliniken und große Werkstätten würden sich um diese Menschen kümmern, sagt Nüsse und schätzt, dass fünf bis zehn Prozent der Lübecker Bevölkerung mit psychischen Erkrankungen zu tun haben. Bundesweit sprechen die Experten davon, dass „über 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben an einer psychiatrischen Störung erkranken“.

Verwaltung und Parteien kennen jetzt den Forderungskatalog. „Sie müssen jetzt über die Umsetzung diskutieren“, sagt Dr. Hamschmidt. „Das ist kein Wunschzettel“, stellt Frank Nüsse klar, „die Kommunen haben einen gesetzlichen Auftrag, diese Menschen bedarfsgerecht zu versorgen.“ Der Geschäftsführer der „Brücke“ hofft, „dass die Handlungsempfehlungen nicht versickern.“

Problem Alkohol

Die Zahl der Zwangseinweisungen ist seit dem Jahr 2000 (460) deutlich gestiegen. 2012 waren es laut amtlicher Statistik der Hansestadt 945, dann 858 (2014) und 725 (2015).

4140 Fälle von psychisch Erkrankten, die in Kliniken behandelt wurden, zählt der Psychiatriebericht für 2012 auf. Die Zahl aller stationären Fälle in den Kliniken lag bei 46512.

37 Prozent der Patienten, die wegen einer psychischen Erkrankung in eine Klinik müssen, haben Suchtprobleme. 90 Prozent dieser Störungen werden durch Alkohol ausgelöst – vor allem bei Männern.

 Kai Dordowsky

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