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Lübeck Rätselhafter Tod: Ärztefehler am UKSH?
Lokales Lübeck Rätselhafter Tod: Ärztefehler am UKSH?
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21:57 31.01.2015
Sie trauern um ihren Ehemann und Vater Gerd Zimmermann († 68): Witwe Rita Zimmermann (v. l.) und die Töchter Martina Zimmermann sowie Ilona Einfeldt. Sie verlangen Aufklärung. Quelle: Wolfgang Maxwitat
St. Jürgen

Die Vorwürfe von Ilona Einfeldt, ihrer Schwester Martina Zimmermann und Mutter Rita Zimmermann wiegen schwer: Die Uniklinik soll ihren Vater beziehungsweise Ehemann Gerd Zimmermann falsch behandelt haben, weshalb der 68-Jährige auf der Intensivstation ums Leben kam. „Warum musste er sterben?“, fragt Einfeldt. „Wir wollen Aufklärung und Gerechtigkeit“, fordert ihre Schwester. Seit zwei Jahren streitet sich die Familie zudem mit der Klinik, wann der Lübecker starb — es gibt wohl zwei abweichende Uhrzeiten.

Gerd Zimmermann erlitt am 7. Februar 2013 einen Herzinfarkt, weshalb er um 18.43 Uhr ins UKSH gebracht wurde. Schon der Notarzt habe laut Unterlagen einen Vorfall mit dem Herzen angenommen.

Auch eine nur vier Tage zuvor erfolgte Behandlung in der Sana-Klinik wegen Herzproblemen sei dem UKSH bekanntgewesen. Doch stattdessen sei der 68-Jährige wegen einer Lungenentzündung behandelt worden. Am Morgen des Folgetags lag Zimmermann im künstlichen Koma, die Ärzte schalteten die Geräte ab — vor den Augen der Familienangehörigen.

Ilona Einfeldt, ihre Schwester und die Mutter sind außer sich vor Wut, Unverständnis und Trauer. Außerdem sind sie seelisch am Ende. Die größte Frage: „Wieso therapierte das Krankenhaus trotz eindeutiger Anzeichen keinen Herzinfarkt?“, fragt sich Rita Zimmermann. In einer Stellungnahme der Klinik-Versicherung steht laut Einfeldt: Gerd Zimmermann sei „leitlinienkonform an einer Lungenentzündung behandelt worden“. Das möge inhaltlich zwar korrekt sein, kontert die Tochter. „Aber mein Vater hatte einen Herzinfarkt.“

Das habe die Obduktion ergeben, Todesursache laut Pathologie: Herzversagen als Folge eines Infarkts. Außerdem sei auch in der Patientenakte die Rede von Herzproblemen gewesen. Ein unabhängiges Gutachten des Uni-Herzzentrums Rostock vom Mai 2014 bescheinigt ebenfalls, dass ein Herzinfarkt bei einer frühzeitigen, richtigen Behandlung „verhindert oder begrenzt“ worden wäre. Ferner heißt es im Fazit: „Insofern muss offenbar von einem suboptimalen Management des vorliegenden Falles eines akuten Koronarsyndroms ausgegangen werden.“ Rita Zimmermann: „Mein Mann könnte noch leben.“ Die Reaktion der UKSH-Versicherung laut Einfeldt: Ein Gutachter habe im Nachhinein immer einen Wissensvorsprung gegenüber Notfallmedizinern.

Offen ist auch der Todeszeitpunkt, laut Uniklinik 7.45 Uhr. „Das kann aber gar nicht sein, weil wir um kurz nach 8 Uhr noch bei meinem Vater waren“, so Einfeldt. Während sie alle an Gerd Zimmermanns Bett standen, habe ein Assistenzarzt ohne Ankündigung die Gerätestecker gezogen, mit den Worten: „Er stirbt jetzt, bitte nehmen Sie Abschied.“

Dieses Verhalten und das Mauern des UKSH bei der Suche nach Erklärungen veranlasste die Familie, die Staatsanwaltschaft einzuschalten. „Die Ermittlungen dauern an“, sagt Oberstaatsanwalt Günter Möller. Es soll demnach 16 Beschuldigte geben. Die Uniklinik verweist auf die laufenden Ermittlungen und schweigt. Es gebe aber keine zwei Todeszeitpunkte, alles werde „anhand der Aufzeichnungen der Zentralüberwachung und der Vitalparameter protokolliert“, so Sprecher Oliver Grieve. Auch die Geräte seien nicht vor dem Tod abgeschaltet worden, vielmehr bloß bei Anwesenheit der Familie die Besucherfunktion des Monitors aktiviert. Das sollte störende Geräusche vermeiden, „wie es in solchen Situationen aus Pietätsgründen sinnvoll und nachvollziehbar ist“.

Und auch die Sana-Klinik steht im Fokus der Familie. Gerd Zimmermann entließ sich damals selbst, laut Ilona Einfeldt stand ihr Vater unter Morphium-Einfluss. Beim Unterzeichnen des Entlassungsschreibens sei Martina Zimmermann allerdings weder davon in Kenntnis gesetzt worden, noch habe man sie über die Möglichkeit eines Herzinfarkts hingewiesen. Inzwischen wurde das laut Einfeldt jedoch nachträglich auf der Rückseite hinzugefügt. Deshalb beschuldigt die Familie das Krankenhaus der Unterlassung und Dokumentenfälschung. Auch Sana will sich wegen des laufenden Verfahrens auf LN-Anfrage nicht äußern. Nur so viel: „Die Vorwürfe sind für uns nicht nachvollziehbar“, sagt Sprecherin Sibylle Beringer.

Der Fall im Internet
Die gesamte Geschichte um den rätselhaften Tod ihres Vaters hat Ilona Einfeldt in einem Blog ins Internet gestellt. „Das alles nimmt mich emotional so mit, deshalb habe ich es öffentlich gemacht“, sagt die 47-Jährige. Einfeldt stellte unter anderem ein kleines Porträt von Gerd Zimmermann online, zudem ihre Schilderungen des Geschehens, Antworten des Klinikums und den offenen Brief an UKSH-Chef Jens Scholz.
• Der Blog ist zu finden unter http://fehldiagnose.wordpress.com.

Peer Hellerling

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