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Lübeck Rätselhaftes Sanddorn-Sterben
Lokales Lübeck Rätselhaftes Sanddorn-Sterben
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23:43 13.06.2018
Matthias Braun, Vorstandssprecher des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer, zeigt vertrocknete Zweige des Sanddorns, der am Wanderweg auf dem südlichen Priwall wächst. Quelle: Fotos: Thomas Krohn
Lübeck

Er prägt seit vielen Jahren das botanische Bild entlang der Ostseeküste – der Sanddorn. Der Strauch erreicht Wuchshöhen von einem bis zu sechs Metern, ab August entwickeln sich die ovalen, orangeroten bis gelben Früchte, die ätherische Öle enthalten und für ihren hohen Vitamin-C-Gehalt bekannt sind, in prächtiger Blüte. Doch der natürliche Wuchs sprießt nicht mehr überall: Entlang der Lübecker Bucht, vor allem auf dem Priwall, aber auch am Dummersdorfer Ufer, an der Pötenitzer Wiek und über die Landesgrenze bis Nordwestmecklenburg hinein vertrocknen die Pflanzen. Viele der knorrigen Äste und stacheligen Zweige sind betroffen, Früchte werden dort nicht mehr wachsen. Was ist die Ursache für das Sanddornsterben?, fragen sich Bewohner und Experten.

90 Prozent der Sanddorn-Pflanzen in der Lübecker Bucht sterben ab. Ein Landschaftspflegeverein beobachtet das Phänomen seit zwei Jahren. Weder dem Kieler Umweltministerium noch der städtischen Umweltbehörde war das bisher bekannt.

„Wir beobachten das mit Sorge.Matthias Braun,

Biologe

„Wir beobachten das seit etwa vier Jahren – und jetzt mit sehr großer Sorge“, sagt Matthias Braun vom Vorstand des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer, der auch die Naturwerkstatt Priwall betreibt. Nach seiner Einschätzung dürften etwa 90 Prozent der Bestände bereits vertrocknet sein. Als Ursache vermutet der Biologe einen Befall der Pflanzen mit der Verticillium-Welke, eine Pflanzenkrankheit, die durch Pilze verursacht wird und über den Boden in das Gewächs kommt. Die Blätter bleiben klein, werden gelblich und sterben ab. „Auch nach einem Rückschnitt wächst der Pilz immer weiter ein. Es gibt keine Behandlungsmöglichkeiten, einmal befallene Pflanzen sind nicht mehr zu retten“, so Braun. Sanddornpflanzen hingen unterirdisch über ihre Wurzeln zusammen. „Wenn eine Pflanze vom Pilz betroffen ist, werden andere in der Nähe ebenfalls befallen“, erklärt der Experte das großflächige Sanddornsterben.

Bereits vor zwei Jahren hatte der Verein aufgrund von Hinweisen von den ostfriesischen Inseln, auf denen ebenfalls der Sanddorn vertrocknet, auf dem Priwall Bodenproben entnommen und diese untersuchen lassen. „Wir haben allerdings keinen Hinweis auf eine Übersäuerung gefunden“, so Braun. Sanddorn benötige für einen gesunden Wuchs lockeren und kalkreichen Boden, der an der Ostseeküste in großem Maß vorhanden sei. Als Indiz für einen Befall mit der Verticillium-Welke wertet der Biologe vor allem dicke, bräunliche Schichten an zahlreichen Stämmen der Gewächse, die auch für Laien deutlich zu erkennen sind. Eine genaue Laboruntersuchung würde Aufschluss geben. Dafür sei die Untere Naturschutzbehörde zuständig. Einen Zusammenhang mit dem Ausstoß von Luftschadstoffen durch Großfähren und Kreuzfahrtschiffe schließt Braun aus: „Dafür sehe ich keine Hinweise.“

Eine letzte Chance, dass der Sanddorn nicht vollständig ausstirbt, sieht der Experte darin, dass einige Pflanzen gegen den Pilz resistent sind und deshalb für weiteren Wuchs sorgen könnten.

„Ansonsten wird es für viele Jahre keinen Sanddorn mehr hier geben.“ Die vertrockneten Büsche und Bäume müssten großflächig entsorgt werden, vor allem wegen der drohenden Brandgefahr.

Für das Kieler Umweltministerium ist das Thema völlig neu. „Uns liegen keinerlei Erkenntnisse vor“, sagt eine Sprecherin. Das Phänomen sei auch nicht aus anderen Landesteilen bekannt. Die städtische Umweltbehörde kannte das Thema bisher auch nicht. Erst durch den Naturschutzbeirat, der am Montag tagte, erfuhren die städtischen Umweltschützer von dem Sanddornsterben. Matthias Braun hatte einen abgestorbenen Zweig als Demonstrationsobjekt mit in den Beirat gebracht. „Seitens der Hansestadt werden keine Untersuchungen vorgenommen“, erklärt eine Stadtsprecherin. „Die Untere Naturschutzbehörde ist in Fragen Pflanzenschutz und Pflanzengesundheit weder zuständig noch fachlich dahingehend ausgestattet.“ Der abgestorbene Zweig wurde zur Abklärung der Ursache an die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein weitergeleitet. Diese Kammer hat der Stadt mitgeteilt, dass „bisher keine Proben von Sanddorn in Schleswig-Holstein untersucht wurden“.

Bekannt sind Untersuchungen aus Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurden im Sommer 2015 bei gewerblichen Sanddorn-Produzenten großflächige Ernteausfälle sowie der Befall von Wildbeständen an der Ostseeküste festgestellt. Die Beschreibung des Sanddornsterbens entspricht den Beobachtungen des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer. Im Nachbarland wurden mehrere Labor- und Bodenuntersuchungen vorgenommen – ohne Ergebnis. „Möglicherweise ist das Phänomen aus Mecklenburg-Vorpommern jetzt auf dem Priwall angekommen“, erklärt eine Stadtsprecherin.

Besondere Pflanze

Sanddorn wächst vor allem auf Kiesböden und in sonnigen Lagen. Die Früchte, auch „Zitronen des Nordens“ genannt, haben einen hohen Vitamin-C-Gehalt und werden insbesondere in Nahrungsmitteln, Getränken sowie in Hautpflegeprodukten verarbeitet. In Schleswig-Holstein, vor allem entlang der Lübecker Bucht, sowie in Nordwestmecklenburg gibt es entlang der Küsten große Bestände des Ölweidengewächses. Der Pflanze wird eine außergewöhnliche Heilkraft nachgesagt. Die ursprüngliche Heimat des Sanddorns befindet sich in Mittelasien.

 Thomas Krohn und Kai Dordowsky

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