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Lübeck Rätselhaftes Schiffssiegel: Schwur oder nicht Schwur?
Lokales Lübeck Rätselhaftes Schiffssiegel: Schwur oder nicht Schwur?
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21:15 19.12.2017

Manchmal kommen die wichtigen Dinge ganz unscheinbar daher. Deshalb kann es geschehen, dass sie nicht die Würdigung erhalten, die ihnen eigentlich zusteht. So ähnlich ist es auch mit dem Schiffssiegel in der Mengstraße. Das liegt unter Umständen daran, dass es als Schmuck des 1. Polizeireviers der Stadt thematisch eigentlich nicht an diese Stelle passt. „Leider geht das Schiffssiegel hier etwas unter, dabei ist es für Lübeck und seine Geschichte enorm wichtig“, findet Stadtführerin Marion Apsitis. Das Original des Siegels, das in stilisierter Form am Polizeigebäude zu sehen ist, ist in drei historischen Varianten erhalten: In den Jahren 1223, 1255/56 und 1280 ließ die Stadt jeweils ein Schiffssiegel herstellen, wobei sich die Versionen nur in Kleinigkeiten unterscheiden.

LN-Serie lüftet Geheimnisse der Hansestadt – Heute geht es um ein Kunstwerk.

Der Künstler, der die aktuelle Version am Polizeigebäude anfertigte, hieß Curt Stoermer (1891- 1976). „Das ist eine moderne Version des Siegels aus dem Mittelalter, das seit 1223 überliefert ist“, sagt Marion Apsitis. Es besteht aus Eisenstegen, die mit Platten hinterlegt sind, und schmückt seit 1958 das 1. Polizeirevier Lübecks. Zu sehen ist – wie es sich für ein Lübecker Schiffssiegel gehört – ein Segelschiff mit einem Mast. Daher hat dieses Stadtsiegel auch seinen Namen. Auf dem Boot sitzen sich zwei Personen gegenüber. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass die beiden Menschen eine Hand offenbar zum Schwur erhoben haben.

Doch dazu, was genau sie sich gerade versprechen, gibt es mehrere Interpretationen. Marion Apsitis beschreibt eine davon: „Links vom Mast sitzt ein Kaufmann und rechts davon am Ruder ein Schiffer. Lange hat man das Siegel so gedeutet, dass sie mit ihrem Schwur die Handelsgemeinschaft der Hanse begründen, die Lübeck zu Ruhm und Ehre verholfen hat.“ Über ihnen am Mast weht die Flagge in den Farben Weiß und Rot, der Lübecker Wimpel, den lübsche Schiffer auf ihrem Boot führen mussten.

Historiker Carsten Jahnke lieferte in einem Aufsatz über das Lübecker Schiffssiegel eine weitere Interpretation: „Es handelt sich hierbei um eine Alltagsszene aus dem Handelsleben einer nordeuropäischen Handelsstadt des beginnenden 13. Jahrhunderts.“ Der offenbar wenig seetaugliche Kaufmann muss sich mit der linken Hand an den Wanten festhalten. „Gezeigt wird die Aufnahme eines fremden, mitreisenden Kaufmannes an Bord eines nordeuropäischen Kauffahrtschiffes“, deutet der Wissenschaftler den Befund und geht auch darauf ein, dass das abgebildete Boot keine Kogge, sondern ein Lastschiff sei, wie sie in Skandinavien und dem Nord- und Ostseeraum gebräuchlich waren. Die Lübecker Siegel könnten daher nicht als Ausdruck einer stolzen deutschen Handelsflotte, einer besonderen Bautradition oder aber als etwas „Hanseatisches“ gedeutet werden, fasst der Geschichtsforscher zusammen.

Was die Lübecker im Jahr 1223 tatsächlich mit ihrem Siegel ausdrücken wollten, wer wem einen Eid leistet und welches Schiff zu sehen ist? Darüber wird man noch lange diskutieren können. Fest steht, dass sie sich bereits 65 Jahre, nachdem ihre Stadt von Heinrich dem Löwen gegründet worden war, ein Siegel gaben, das bis heute Bestand hat und an verschiedenen Stellen in Lübeck zu sehen ist. Nicht unerheblich für die Entwicklung der Stadt ist dabei, dass ihr Gründer sie mit Rechten und Freiheiten ausstattete. „Das Siegel hier in der Mengstraße gefällt mir besonders gut, auch wenn viele Passanten nicht wissen, was es zu bedeuten hat“, sagt Marion Apsitis. Egal, ob Kogge oder nicht und ob Schwur oder nicht:

Schön anzusehen ist es allemal!

Das Buch der Geheimnisse

Das Buch „Lübecker Geheimnisse – 50 spannende Geschichten aus der Hansestadt“ ist im Verlag Bast Medien in Kooperation mit den Lübecker Nachrichten erschienen. Es hat 192 Seiten, kostet 14,90 Euro (ISBN: 978-3-946581-25-3) und ist auch in den Geschäftsstellen der Lübecker Nachrichten und online unter www.bast- medien.de erhältlich.

Die erste Auflage ist aber seit wenigen Tagen ausverkauft. Die LN-Geschäftsstellen nehmen aber Vorbestellungen für die zweite Auflage, die Ende Januar geliefert werden soll, entgegen.

 Heike Thissen

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