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Lübeck Raubüberfall auf eine Bar: Reuiger Täter, mildes Urteil
Lokales Lübeck Raubüberfall auf eine Bar: Reuiger Täter, mildes Urteil
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00:28 14.06.2018
Quelle: dpa

Sie fuhren zusammen aufs Schützenfest in Moisling. Sie tranken viel. Das bisschen Geld, was sie noch hatten, verzockten sie in einer Spielhalle. Dann, gegen zwei Uhr nachts, gingen sie zu Fuß nach Genin ins Gewerbegebiet, um eine Sportsbar zu überfallen. Paul A. (alle Namen geändert) ging als Kundschafter voraus in die leere Gaststube, kam zurück und rief ein Taxi. Die beiden anderen nahmen die Schreckschusspistole, die A. mitgebracht hatte, setzten Sturmhauben auf, überfielen die Bar und erbeuteten 550 Euro. Die drei ließen sich in die Innenstadt fahren, um weiter zu trinken und zu spielen.

Das Landgericht hat am Mittwoch einen 22-Jährigen wegen eines Raubüberfalls in Genin zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Mit zwei Komplizen hatte er in einer Bar 550 Euro erbeutet. Die beiden anderen waren schon vorher nach dem Jugendstrafrecht verurteilt worden.

Paul A. wurde schnell gefasst. Er war auf den Videobildern aus der Bar leicht zu erkennen. (Als „relativ dilettantisch“ wird die Staatsanwältin sein Vorgehen in ihrem Plädoyer bezeichnen.) Er führte die Polizei zu den beiden anderen Tätern. Im Gerichtssaal gibt er sofort alles zu. Er bittet den Zeugen, der mit seiner Waffe bedroht wurde, um Verzeihung: „Für uns war das vielleicht ein Jux, aber Sie mussten um Ihr Leben fürchten.“

Dem Geständnis zum Trotz: Wichtige Fragen bleiben offen. Vor allem: Warum hat A. die Schreckschusswaffe mit zum Schützenfest genommen? Er hat darauf keine überzeugende Antwort. Sein Kumpel Kevin B.

habe ihn darum gebeten, vielleicht, um damit für Fotos zu posieren, spekuliert er. Nachgefragt habe er aber nicht. Der Vorsitzende Richter Kai Schröder wird ungeduldig. Kevin B. selbst, der dann als Zeuge aussagt, behauptet, die Waffe zum eigenen Schutz mitgenommen zu haben. Dem Richter platzt der Kragen: „Man nimmt doch eine ungeladene Waffe nicht zum Schutz auf ein Schützenfest mit. Das ist doch lächerlich!“

Der andere Mittäter ist ebenfalls als Zeuge geladen, erscheint aber nicht. Die beiden haben ihr Verfahren schon hinter sich. Sie waren zur Tatzeit unter 21, wurden nach dem Jugendstrafrecht verurteilt und sind mit Bewährung davongekommen. Nur Paul A. muss als Erwachsener vor Gericht, er war schon 21. Für ihn steht viel auf dem Spiel. Er hat die Fachhochschulreife, er hat eine Arbeit, er will studieren.

Am Ende der Beweisaufnahme bittet Staatsanwältin Renate Hansen um fünf Minuten Bedenkzeit. Sie liest in ihren Notizen, sie blättert im Strafgesetzbuch und fasst einen Entschluss. In ihrem Plädoyer wirft sie dem Angeklagten nicht mehr schwere räuberische Erpressung vor, wie sie es drei Stunden vorher in der Anklage getan hat. Sie stellt zwar auch für ihn „erhebliche kriminelle Energie“ bei der Tat fest. Das Tatgeschehen aber hätten vor allem die anderen beiden geprägt. Sie reduziert den Vorwurf gegen Paul A. auf Beihilfe zur schweren räuberischen Erpressung.

Das ist mehr als eine juristische Spitzfindigkeit, zumal das Urteil ihrer Einschätzung folgt. Wäre Paul A. (22) als Mittäter und nicht als Helfer verurteilt worden, wäre er für mindestens drei Jahre ins Gefängnis gegangen. So lautet das Urteil auf ein Jahr und sechs Monate Haft auf Bewährung. Kurz vor dem Urteil hat Paul A. noch einmal das Wort ergriffen: „Ich weiß echt nicht, was mich da geritten hat. Das war ich eigentlich nicht.“ Die Bewährungsstrafe gibt ihm die Chance, das zu beweisen. Er verlässt den Saal als freier Mann.

 Von Hanno Kabel

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