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Lübeck Reißzwecke als Glücksbringer
Lokales Lübeck Reißzwecke als Glücksbringer
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16:38 16.06.2017
Luisa Rische und "Anton" genießen den Ausblick. Quelle: hfr
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Lillehammer/Lübeck

Die Beine streiken auf dem Weg nach Hamar. Ich trete. Doch es kommt nichts an. Das Heck meines Fahrrads wirkt wie ein Anker, der sich im Asphalt festkrallt und meine Tritte wirkungslos erscheinen lässt. Pause zu machen ist schwer, wenn die ganze Welt auf einen wartet, aber manchmal einfach nötig.
Ich schlage mein Zelt frühzeitig in Tangen auf und stehe am Morgen danach vor der nächsten Herausforderung. Da Wochentage und Daten auf so einer Reise ihre Bedeutung verlieren, ist mir entgangen, dass Feiertage sind. Weil ich ohne Vorräte in einem Dorf festsitze, das vor allem aus Campingplatz besteht, setze ich mich mit „Anton“ in den Zug nach Lillehammer. In der vom Wintersport bekannten Stadt haben zumindest die Cafés geöffnet. Smørbrød und heiße Schoki für Muskeln und Seele. Bevor ich Lillehammer zwei Tage später wieder verlasse, lerne ich am letzten Abend Monty und Leon kennen. Die zwei Wanderer aus Köln reisen per Anhalter durch Norwegen. Es ist die letzte Reise, bevor das Studium beginnt. Der unterhaltsame Abend zu dritt macht den Aufbruch allein am nächsten Morgen nicht leichter.
Die norwegischen Berge fordern all meine Aufmerksamkeit. Der höchste Anstieg, entlang des Rondane Nationalparks, erwartet mich gleich zu Beginn. Beim Hochfahren fixiere ich mit den Augen die weiße Linie der Fahrbahnbegrenzung. So orientiere ich mich und verzweifle nicht, wenn sich die nächste Kurve nur widerwillig nähert. Schrittgeschwindigkeit. Je höher ich komme, desto mehr verändert sich die Landschaft. Rauer, wilder, verlassener. Die Anstrengung ist gewaltig, das Gefühl, oben anzukommen, überwältigend, die Aussicht fantastisch. Schneebedeckte Gipfel erheben sich in der Ferne, leere Skipisten zerschneiden die Hänge, Wasserfälle bahnen sich ihren Weg ins Tal.
In Vognillan stoppt mich der erste Plattfuß. Was für ein Pech – könnte man meinen. Glück für mich. Während ich noch überlege, wie ich mit dem Problem umgehe, taucht Marie hinter mir auf. Eine Reißzwecke hat sich genau vor ihrem Haus in meinen Reifen gebohrt. Ich darf Maries Garage nutzen, um meinen Schlauch zu wechseln, sie macht mir Smørbrød zum Abendbrot, dann übernachte ich in ihrem Garten. Am nächsten Morgen bereitet sie auch noch Frühstück vor, mit Eiern und frisch aufgebrühtem Tee, und lässt mich Brote für die Fahrt schmieren. Wir tauschen Adressen aus. Ich verspreche ihr, aus der ganzen Welt zu schreiben.
Gestärkt von so viel Essen und der Begegnung mit Marie breche ich auf nach Trondheim. „Anton“ und ich überqueren weitere Passhöhen, fahren durch Schafherden und Wälder, über Hängebrücken und Wildwasser hinweg. Im tiefsten Norwegen könnte die unberührte Natur kaum beeindruckender sein. Ein Elch kreuzt meinen Weg, die Trolle halten sich auch in Trollheimen weiter versteckt.
Nach einer weiteren Nacht allein im Wald – am Ufer eines plätschernden Bachs – und einem komplett verregneten Tag lande ich in Trondheim. Die Stadt wirkt so lebendig, so jung, so anziehend, dass ich am liebsten einen Tag bleiben würde. Doch im Hostel sind schon alle Betten belegt. Ich reise weiter die Küste entlang nach Flakk, wo mich die Fähre am nächsten Tag ans andere Ufer bringt. Zurück am Meer.

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