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Lübeck Mit der Fahrrad-Rikscha durch Lübeck
Lokales Lübeck Mit der Fahrrad-Rikscha durch Lübeck
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10:13 15.06.2018
Los geht es am Holstentor. Doch Hans-Heinrich Mangels will zeigen, dass Lübeck noch viel mehr zu bieten hat. Quelle: Saskia Bücker
Lübeck

Wer sich für eine Tour mit Hans-Heinrich Mangels entscheidet, sollte vor allem eines mitbringen: Zeit. Denn der Stadtführer bietet mehr als nur eine flotte Fahrt auf drei Rädern. Alle paar Meter hält er am Straßenrand an und erzählt – vom Leben der einfachen Leute im Mittelalter, vom klassizistischen und gotischen Baustil, aber auch bekannten Persönlichkeiten, die Lübeck einen Besuch abgestattet haben.

Es ist ein Blickfang, wenn die Fahrrad-Rikscha durch die Altstadtgassen von Lübeck holpert. Hans-Heinrich Mangels, der Besitzer von „Ricky“, arbeitete lange Zeit als Architekt. Heute profitieren Touristen von seinem umfangreichen Wissen zur Stadtgeschichte.

Mangels sagt, er sehe sich als Botschafter der Stadt. Der 69-Jährige ist der einzige, der Rikscha-Touren in Lübeck anbietet – und das seit zehn Jahren. Mangels startet seine Touren nur ungern direkt vor dem Holstentor. Stattdessen fährt er vor die ruhiger gelegene Holstentorhalle. „Von hier aus haben Besucher einen tollen Blick auf das, was einen in der Innenstadt erwartet“, sagt Mangels. Und fährt mit einer Anekdote zu Lübecks prominentester Sehenswürdigkeit fort: „Im 19. Jahrhundert wollten einige Lübecker gar kein Holstentor mehr haben.“ Wegen einer starken Neigung des Nordturms und Rissen in der Fassade sei das Schicksal des Giganten eigentlich schon besiegelt gewesen. Der Abriss drohte. Nur eine Abstimmung in der Bürgerschaft mit 42 zu 41 Stimmen konnte das knapp verhindern.

Weiter geht es. Als die Rikscha an den Salzspeichern vorbeifährt, berichtet Mangels davon, dass sie als Kulisse für den deutschen Horrorfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ aus dem Jahr 1922 herhielten. Kleine Stilkunde beim Blick in die Große Petersgrube: „Hier versammeln sich Häuserfassaden aus Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus“, sagt Mangels, bevor er mit der Rikscha entlang der Obertrave über das Kopfsteinpflaster brettert. Es geht vorbei an einem Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, an idyllisch anmutenden Gängen, an einem Fachwerkhaus. Über 90 der engen Gänge gebe es insgesamt. „Die durften natürlich nicht schmaler sein als eine Sargbreite“, scherzt Mangels.

Auch über Kirchen weiß der Touristenführer Bescheid. Bei einer Rast vor dem Dom erfährt der Mitfahrer, dass das Gotteshaus der erste und längste Backsteinkirchenbau Norddeutschlands ist. Das Dach wurde im Zweiten Weltkrieg weggebombt. Von Interesse ist auch die nach Norden zeigende Vorhalle, „Paradies“ genannt. „Hier bekamen die Armen Speisen, Verstorbene wurden aufgebahrt und man bekam Zuflucht vor weltlicher Verfolgung“, zählt Mangels auf. Sein Highlight, an dem viele Touristen vorbeigehen: die große Buche vor dem Dom, 1873 gepflanzt.

Die Rikscha nimmt Fahrt auf. Mangels punktet mit Insider-Wissen. Etwa zum Statius-von-Düren-Haus, das mit Figuren aus der antiken Mythologie in Tonfarben besticht. In der Gasse „Fegefeuer“ zeigt er auf ein Versteck an einem der Wohnhäuser. Dort steht „Hölle“. In der Mühlenstraße gibt es einen Gang mit dem Namen „Römisches Reich“. „Da wollte wohl mal jemand die Größenverhältnisse klären“, sagt Mangels und tritt in die Pedalen.

„Ricky“ nennt der Stadtführer seine Herzensdame. Acht bis zehn Kilometer die Stunde legt das Gefährt zurück, zwei Personen, 180 Kilogramm finden Platz auf dem Rücksitz. Angetrieben wird „Ricky“ durch Muskelkraft. „Nur bei Steigungen wie in der Holstenstraße schalte ich einen Motor dazu“, verrät Mangels.

Der Hintergrund

Mangels arbeitete lange als Architekt. Nach einem stressigen Tag im Büro sei er damals oft nach Hause gekommen und dann mit dem Liegerad rund 50 Kilometer durch die Gegend gefahren. „Ich habe mir den Frust weggetreten“, erzählt der Touristenführer heute. Aus Frustventil wurde 2008 eine Geschäftsidee. Er zog nach Lübeck und kaufte sich eine Rikscha.

90 Minuten kosten zwölf Euro. Feste Routen gibt es nicht, sie werden individuell nach Vorlieben der Gäste mit Mangels abgesprochen. Telefon: 0170/ 2142277.

 Saskia Bücker

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