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Lübeck Riesenkran schwebt übers Schuldach
Lokales Lübeck Riesenkran schwebt übers Schuldach
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12:37 03.08.2016
Die Ruhe selbst: Kranmonteur Rolf Hill verliert weder den Überblick noch die gute Laune.

Es ist der aufregende Auftakt für die langersehnte Sanierung des maroden Johanneum- Dachs, und der Start beginnt gleich mit ärgerlichen Schwierigkeiten.

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Es war ein Kraftakt, der die Schaulustigen gestern den ganzen Tag lang fesselte: Mit einem Autokran wurde ein Baukran in 24 Einzelteilen von der Dr.-Julius-Leber-Straße aus in den Schulhof des Johanneums gehievt.

Gestern wollen Kranexperten um sieben Uhr früh damit beginnen, den 37 Meter hohen und 100 Tonnen schweren Kran der Firma Stock aus Siek/Kreis Stormarn in Einzelteilen über das Schuldach in den Innenhof zu heben. Doch der Autokran des Ostholsteiner Unternehmens Sönke Jordt mit seinem 52 Meter langen Teleskopkran kann auf der unteren Dr.-Julius-Leber-Straße für seinen Kraftakt nicht in Position gebracht werden. Obwohl die Anwohner schon vor Wochen mit Postwurfzetteln informiert worden waren, ihre Autos aus dem Kranbereich zu entfernen, obwohl Schilder mit dem Zeichen „Absolutes Halteverbot“ vor Tagen aufgestellt worden waren, müssen etliche Fahrzeuge abgeschleppt werden.

Erst um halb zehn beginnt das Abenteuer, einen in 24 Einzelteile zerlegten Kran über das Schuldach zu heben. Die aufsehenerregendste Aktion findet am Nachmittag statt. Kranbauer montieren mitten auf der Dr.-Julius-Leber-Straße auf engstem Raum den 50 Meter langen Ausleger. „Was ist denn das?“, fragt ein Passant, als er das auf der Straße liegende gewaltige Stahlgestänge begutachtet: „Ein Stück Kran“, lautet die Antwort. „Und wo soll das hin?“ „Nach da oben.“ Eine Hand deutet zu dem Kranturm auf dem Schulhof, der über das Schuldach lugt. „Nee, nich’“, räuspert sich der Mann und kann es nicht fassen.

Das acht Tonnen schwere Ungetüm wird schließlich um Punkt 18 Uhr vom Autokran wie eine Feder angehoben, schwebt minutenlang über dem Schuldach und wird dann von zwei – ganz offensichtlich völlig schwindelfreien – Kranbauern in 37 Metern Höhe mit dem Kran verbolzt. Was eine junge Mutter, deren Kinder nicht vom Kranbau weichen wollen, zu dem bewundernden Spruch bewegt: „Die wissen, was sie tun. Das sitzt jeder Griff.“ Kranbauer Rolf Hill ist wie seine drei Kollegen den ganzen Tag über die Ruhe selbst. Ob es etwas Besonderes sei, einen Kran in einen Schulhof zu heben, wird er gefragt:

Freundlich und völlig unaufgeregt antwortet Hill: „So etwas machen wir jeden Tag.“

Alexander Kunkel atmet am Abend auf, lächelt und wirkt erleichtert, als der Kran komplett montiert auf dem Schulhof des Johanneums thront. Jetzt kann seine Arbeit beginnen. Der junge Chef des Lübecker Dachdeckerunternehmens Cavier + Sohn ist stolz auf den Großauftrag im Jahr des 125. Bestehens des Familienbetriebes: „Dieser Bauauftrag ist eine kleine Krönung und eine große Ehre“, sagt er – und es klingt keineswegs pathetisch, sondern vielmehr bescheiden. Der Diplom-Kaufmann, Dachdeckermeister und Zimmerermeister in Personalunion, deckt das Dach seiner Schule, auf der er im Jahr 2000 selbst sein Abi baute. Und er wohnt gegenüber der Schule. Da kommt wahrlich Nähe auf.

Der Bauauftrag, betreut vom Lübecker Architektenbüro Haufe + Petereit und überwacht von der Lübecker Denkmalpflege, verlangt höchstes handwerkliches Können. Denn das Dach des Johanneums ist die größte zusammenhängende Dachfläche in Lübeck mit Biberschwanz-Kronendeckung.

Das seit vielen Jahren undichte Schuldach mit seinen 100 Jahre alten Biberschwänzen soll in einem halben Jahr wieder wetterfest sein. Der Dachstuhl selbst ist „in gutem Zustand“, betont Zimmerermeister Kunkel. Grund: Es war stets gut belüftet, konnte deshalb durchtrocknen. Doch die alten Ziegel haben längst ihre Schuldigkeit getan. 2500 Quadratmeter Dachfläche werden von sechs Dachdeckern neu verlattet und eingedeckt. Und das bedeutet, dass die Handwerker 104 000 Biberschwanzziegel in die Hand nehmen müssen und 150000 Ziegelklammern. Denn die Biberschwänze werden nicht mehr wie in früheren Zeiten üblich in ein Mörtelbett gelegt. Das halte nicht lange genug, erklärt Kunkel. Die Ziegelklammern hingegen seien unverwüstlich.

Übrigens: Seit gestern Abend ist die Dr.-Julius-Leber-Straße wieder frei für den Verkehr.

Millionenprojekt

1,5 Millionen Euro kostet die Sanierung des Hauptdaches des Johanneums. Schon seit Mitte 2015 ist die Schule eingerüstet, weil herabstürzende Ziegel eine Gefahr bedeuteten. Das Gerüst kostet 65 000 Euro pro Jahr.

Dass das Schuldach marode ist, ist seit Jahren bekannt. Allerdings fehlte das Geld. Die Arbeiten mussten in den vergangenen vier Jahren immer wieder verschoben werden. Denn nicht nur das Johanneum muss auf Vordermann gebracht werden. An vielen Lübecker Schulen herrscht ein Sanierungsstau. Undichte Fenster, bröckelnde Decken und Fassaden, marode Sporthallen und sanitäre Anlagen bereiten große Sorgen und reichlich Ärger.

Die Dacherneuerung des Johanneums wird nach Aussage der ausführenden Firma Cavier + Sohn bis etwa Februar dauern.

 Torsten Teichmann

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