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Lübeck Rückkehr nach Schlutup
Lokales Lübeck Rückkehr nach Schlutup
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19:02 09.03.2018

Nach 131,6 Kilometern stehe ich am „Grenzmuseum“ und klopfe an das Türglas. Ob sie da ist? Noch einmal klopfen, da kommt Ingrid Schatz von der Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup die Treppe hinauf und lächelt. Hier hat meine Grenzwanderung angefangen, hier geht sie zu Ende. „Und wie war es?“, fragt die Vorsitzende und bittet mich herein.

Ja, wie war es? Darüber habe ich schon viel nachgedacht, während meiner letzten Etappe am Dummersdorfer Ufer entlang. Start ist am Morgen beim Aussichtsturm neben dem Skandinavienkai. „Einer der größten Fährschiffhäfen Europas“ steht auf dem Infoschild, hinter dem die Anleger zu sehen sind. Maschinenbrummen, gebrüllte Arbeitsrufe und Sirenen mischen sich mit Vogelstimmen aus dem Wald.

Dort hindurch führen viele Wanderwege, meiner immer parallel zum Wasser. Laut Landesamt für Natur und Umwelt Schleswig-Holstein durchquere ich ein Gebiet „von außerordentlicher ökologischer Vielfalt und einzigartiger naturkundlicher Bedeutung“. Bereits 1958 wurde es als Naturschutzgebiet ausgewiesen und 1991 von 46 auf 340 Hektar erweitert. Damit Besucher die Landschaft mit Stränden, Gehölzen, Trockenrasen und Feuchtwiesen erleben können, gibt es Wanderwege verschiedener Längen und Strecken, die mit Symbolen an Bäumen gekennzeichnet sind. Ich folge dem Zeichen einer Blume, und zarte Spinnenfäden in meinem Gesicht verraten, dass ich an diesem Morgen die erste Wanderin bin.

Schritt für Schritt voran auf dem weichen Waldboden gehe ich in Gedanken Schritt für Schritt zurück. Ich denke an die Planung mit Biologin Ursula Kühn, als es meine Strecke noch gar nicht gab. An die Aufregung vor der ersten Etappe, das Rucksackpacken. Und an die Tage im Regen, als ich in Groß Grönau am liebsten den Bus genommen hätte. Kaum vorstellbar, dass das gar nicht so lange her ist.

Jetzt, am Dummersdorfer Ufer, ist der Sommer perfekt. Die Luft ist sogar im Wald warm, und durch den fast blickdichten Bewuchs aus Bäumen und Gehölzen höre ich kleine Boote auf der Trave fahren.

Manchmal blitzt das Wasserblau durch das Baumgrün. Der Wald im Naturschutzgebiet ist ein Niederwald und eine Seltenheit, lese ich auf einer Tafel am Weg. Da hier bereits seit dem 16. Jahrhundert Brennholz gewonnen wurde, hat man alle Bäume abschnittsweise, in etwa 20-jährigem Turnus, gefällt. So sind Wälder mit einem gebüschreichen und niedrigen, mehrstämmigen Baumbewuchs entstanden, der sonst fast völlig aus der Landschaft verschwunden ist.

Auf den Waldwegen zum Stülper Huk bin ich alleine, begegne keinen Menschen. Zeit genug, wieder zurückzudenken: an den Kapitän, der mir die Grenze an der Wakenitz zeigte. Oder an den Mühlenbesitzer, mit dem ich geheime Seewege entdecken konnte. Oder an den Kleingärtner, der mir Kirschen schenkte. Wenn ich meine Strecke wie im Zeitraffer sehe, dann halte ich die Bilder an solchen Stellen besonders gerne an. Als Wanderin habe ich oft ein Lächeln geschenkt bekommen, oft mit den Worten: „Ach, Sie habe ich doch heute in der Zeitung gesehen?“

Nur an meinem letzten Tag treffe ich niemand – bis zum Stülper Huk. Dort sehe ich schon aus der Ferne drei Leute am Strand sitzen und eile hin. Als ich Astrid (64) und Ullrich (67) Lutz erreiche, erzählen sie mir, dass sie die Ruhe im Naturschutzgebiet und die Vielfalt der Tiere und Pflanzen sehr zu schätzen wissen. Früher waren sie mit ihren Kindern hier, jetzt mit dem Enkel. „Wir haben schon eine Echse, ein Vogelei und eine Raupe gesehen“, berichtet Ruben (5).

Lange kann ich nicht bleiben, denn ich habe mich mit einem Unbekannten am Ende des Naturschutzgebietes verabredet. Um von dort über die Trave nach Schlutup zu gelangen, bat ich Ingrid Schatz am Vortag um Hilfe. Ob sie jemand im Ort kenne, der mich rüberholen könne? „Bestimmt“, sagte Schatz, und so telefoniere ich von unterwegs mit Felix Holst, dem Unbekannten. Er werde mich außerhalb der Schutzzone am Strand einsammeln, sagt er. Per Schlauchboot. Als ich dort nach über dreistündiger Wanderung ankomme, fühle ich mich wie Robinson Crusoe. Allein, aber voller Hoffnung auf ein Boot.

Kleine Segler und riesige Frachter ziehen vorbei, als ich in der Ferne einen weißen Punkt auf dem Wasser hüpfen sehe. Ich hüpfe auch, winke – und der Punkt wird größer, steuert auf mich zu. Etwa zehn Meter vom Ufer entfernt macht der junge Mann den Motor aus und rudert das letzte Stück.

„Wirklich kein Problem“, sagt der 19-jährige Schlutuper, als ich im Boot sitze und mich zigmal bedanke. Dann sausen wir übers Wasser zum Haus seiner Familie, direkt an der Grenze. So viel Hilfsbereitschaft ist die Krönung aller netten Begegnungen während meiner Tour. Und so fällt mir die Antwort leicht, als Ingrid Schatz mich dann später am Grenzmuseum fragt: „Und, wie war es?“ Die Strecke zu finden, oft schwierig. Die Wälder dicht, die Flusslandschaften romantisch. Das Wetter ganz gut – wie meine Stimmung. Aber das Schönste waren die Begegnungen mit den Menschen.

 Cosima Künzel

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