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Lübeck Schätze aus dem Mittelalter aufgetaucht
Lokales Lübeck Schätze aus dem Mittelalter aufgetaucht
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20:49 15.01.2018
Besuch aus Russland: Historiker Dimitriy Weber und Valentin Portnykh besuchen mit Angela Buske und Dominik Kuhn (M.) das Stadtarchiv. Quelle: Fotos: Roessler
Innenstadt

Vorsichtig schlägt der stellvertretende Archivleiter Dominik Kuhn die vergilbten Seiten eines der historischen Niederstadt-Bücher im Kellerarchiv auf. Es sind Schriften von 1490, ein Geschäftsbuch aus dem Mittelalter, das die Eintragungen der Lübecker Kanzlei genau dokumentiert. Dimitriy Weber und Valentin Portnykh, angereist aus St. Petersburg und Nowosibirsk, beugen sich über den Einband und untersuchen die verschnörkelte lateinische Handschrift. Die ist ihnen bereits bekannt.

„Aus dem Mittelalter gibt es nicht viele Schriften. Sie sind sehr wertvoll.“Jan Lokers, Stadtarchiv-Leiter

Ein ähnliches Exemplar spürten sie in der sibirischen Stadt Tomsk auf. Es dokumentiert das Stadtgeschehen von damals. Die Lübecker Archivare sind begeistert vom Fund. „Das ist eine hervorragende historische Quelle“, sagt Kuhn. Diese Woche vergleichen die aus Russland angereisten Forscher den Fund mit den Büchern im Lübecker Bestand und tauschen sich mit Experten Lübecker Stadtgeschichte aus.

Ihr langfristiges Ziel: Die Bestände digitalisieren und einen zweisprachigen Katalog mit Abbildungen und Informationen zu den verschollenen Dokumenten publizieren.

Über drei Funde aus Tomsk berichtet Portnykh: Ein städtisches Geschäftsbuch. Zollquittungen, die unter anderem protokollieren, wie die Hanse den Krieg gegen Dänemark finanzierte. Und eine astrologische Handschrift der Stadtbibliothek, die den damaligen Stand der Sternendeuterei wiedergibt. Die russischen Forscher nahmen die Dokumente in Russland genau unter die Lupe. Was ihnen dabei fehlte: „Informationen zur regionalen Geschichte“, sagt Portnykh. Deshalb steigen sie diese Woche in die Lübecker Archive. Auch in Hamburg und Halberstadt machen die Historiker wegen neuer Funde aus dem Mittelalter Halt.

Die Dokumente haben eine lange Reise hinter sich. Kuhn erzählt, wie die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg über 200 Kisten mit Handschriften aus Jahrhunderten deutscher Geschichte nach Sachsen-Anhalt brachten. 1945 kamen dort die sowjetischen Truppen an und brachten das Archivgut an verschiedene Orte. „Dabei ging vieles durcheinander“, sagt Angela Buske. Sie betreut die historischen Bestände der Stadtbibliothek. Sogar in der USA seien Schriften aufgetaucht. Wie genau die neuen Funde nach Sibirien gelangten, können die Wissenschaftler heutzutage jedoch nicht mehr rekonstruieren.

Zum Ortstermin in Lübeck haben Portnykh und Weber allerdings nur Fotokopien der Schriften mitgebracht. Die Originale verbleiben bis auf Weiteres in Tomsk. Der Grund dahinter sei eine veränderte Gesetzeslage in Russland, erklärt Archivleiter Jan Lokers. Als sich die Sowjetunion Ende der 80er Jahre auflöste, gab Russland rund 40 Tonnen historischer Schriften an das Lübecker Stadtarchiv zurück. Heute sieht das anders aus. Die russische Regierung führe keine Archivalien mehr an ihre Ursprungsorte zurück.

Hatten die Lübecker Archivare früher noch eine Rückgabe gefordert, setzen sie jetzt auf Austausch. Für die Zukunft erhoffen sie sich einen guten Kontakt mit den russischen Wissenschaftlern. Denn:

„Viele Dokumente sind immer noch verschwunden“, sagt Kuhn.

Verschollene Zeitgeschichte

40 Tonnen Archivmaterial aus der DDR, Russland und Armenien erhielt das Lübecker Stadtarchiv in den Jahren 1987, 1990 und 1997 von russischer Seite zurück.

Rückführungs-Verbot: Russland fährt seit 2008 einen neuen politischen Kurs. Historische Dokumente können dadurch nicht an deutsche Archive zurückgegeben werden.

Über eine der üppigsten Sammlungen deutschlandweit verfügt Lübeck trotz erheblicher Kriegsverluste: Das Stadtarchiv verzeichnet 6500 Regalmeter Archivgut aus neun Jahrhunderten.

Saskia Bücker

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