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Fischerdorf, Grenzort, Wohnparadies

LN-Serie: Mein Viertel, mein Zuhause Fischerdorf, Grenzort, Wohnparadies

Die Anonymität der Großstadt ist in Schlutup kein Thema — Der Stadtteil hat noch viel von dem Dorf an sich, das er einmal war.

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Der Stadtteilpatriot: Achim März (51), Vorsitzender des Gemeinnützigen Vereins, im historischen Kern des Fischerdorfs. Er hat fast sein ganzes Leben in Schlutup gelebt. Für ihn gibt es kein schöneres Fleckchen Erde.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler (5), Hanno Kabel (4)

Schlutup. Wenn er durch die Straßen geht, grüßt Achim März (51) ständig Bekannte. „Kalimera“, sagt er zu dem Griechen, „Hallo Anja“ zur Postbotin, und unten an der Wiek bespricht er mit der Leiterin des Familienzentrums den Druck einer Broschüre. Er weiß, wer in welchem Haus wohnt, wo die erste Tankstelle Schlutups stand, welcher Investor mit welchen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

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Der Stadtteilpatriot: Achim März (51), Vorsitzender des Gemeinnützigen Vereins, im historischen Kern des Fischerdorfs. Er hat fast sein ganzes Leben in Schlutup gelebt. Für ihn gibt es kein schöneres Fleckchen Erde.

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Achim März, Vorsitzender des Gemeinnützigen Vereins Schlutup, lebt seit 47 Jahren hier und kann immer noch glaubwürdig schwärmen, wenn er oberhalb der Schlutuper Wiek steht und darüber spricht, wie fantastisch es sei, hier die Sonne aufgehen zu sehen. „Ich würde mich als den Schlutup-Fan schlechthin bezeichnen“, sagt er.

Schlutup ist der kleinste Stadtteil Lübecks, und nach den üblichen Maßstäben ist er eher abgelegen. Vom Rest der Stadt trennt ihn auf der einen Seite der Wald, auf der anderen Seite das Wasser. Noch viel abgelegener war Schlutup allerdings bis 1989, als es an der Grenze zur DDR lag. Als Kinder, erinnert sich Achim März, hörten sie nachts das Geheul der Hunde bei den DDR-Grenztruppen, und tags versuchten sie, die Aufmerksamkeit der Grenzsoldaten zu erregen, bis die ein Fenster im Wachturm öffneten.

Ursprünglich war Schlutup ein Fischerdorf. Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Fischfabriken und die halbindustriellen Räuchereien, die Schlutup lange prägten. Jetzt gibt es noch die Fischverarbeitungsfabrik Hawesta, die einem Unternehmen auf Rügen gehört, und es gibt Andreas Schaller (54). In einem schmucklosen, gefliesten Laden gegenüber der Kirche verkauft er seine Rollmöpse, Räucheraale, Matjesfilets und Schillerlocken, aber auch frischen Fisch, teils sogar Süßwasserfisch. Nur deshalb, sage er, gebe es sein Geschäft noch: „Weil mein damaliger Chef gesagt hat, ich kann von der Räucherei nicht leben, wenn ich nur Hering räuchere.“ Schaller übernahm das Geschäft 1993.

Die enge Verbindung von Schlutup mit dem Fisch ist dahin. Ursprünglich wurde Fisch geräuchert, um ihn haltbar zu machen. Heute wäre das nicht nötig: Der Fisch wird größtenteils tiefgefroren angeliefert. 90 Prozent seiner Kunden, sagt Schaller, kämen nicht aus Schlutup — und 100 Prozent seiner Rohware auch. Der Fisch kommt aus dem Skagerrak oder aus dem Atlantik.

Trotzdem ist der Ort noch immer von der Vergangenheit geprägt mit seinen gedrungenen Wohnhäusern und Räucherkaten. Als die Fischfabriken entstanden, waren die Fabrikanten noch keine anonymen Investoren, sondern „Fischbarone“, reiche Männer, die sich große Villen in der Nähe des Wassers bauten. Viele von ihnen stehen noch. „Schlutup ist das Blankenese Lübecks“, sagt Achim März. Das mag etwas übertrieben sein, aber wer eine der Villen oder einen der eleganten Neubauten mit Blick auf die Wiek kaufen will, muss mehr Geld haben als der Durchschnitt.

Die Geschichte des Viertels

1225: Das Dorf wird zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt – als „Vretup“.

1795: In Schlutup werden 60 Fischer und noch einmal so viele Arbeitsleute gezählt; in Gothmund- Fischerbuden arbeiten der Zählung zufolge 22 Fischermeister; die Stadt Lübeck hat zur gleichen Zeit nur 15 Fischer.

1869: Als erster größerer Fischverarbeitungsbetrieb wird die Firma Bade gegründet. Nach eigenen Angaben zählt der Betrieb kurz vor dem ersten Weltkrieg 30 Räucheröfen, 40 Bratöfen und etwa 100 Mitarbeiter.

1914: Schlutup wird an das Lübecker Straßenbahnnetz angeschlossen.

1945: Es werden 1100 Zwangsarbeiter gezählt. Sie arbeiteten in Munitionsfabriken

1960: Am 1. März wird der Grenzübergang Schlutup-Selmsdorf eröffnet. In den folgenden fünf Jahren passieren über 150 000 Personen und mehr als 52 000 Fahrzeuge den Schlagbaum.

1980: Der Fährverkehr zwischen Schlutup und Herrenwyk wird endgültig eingestellt.

2004: Im ehemaligen Zollgebäude wird die Grenz-Dokumentationsstätte eröffnet.

Die Fischer sind weg, die Fischbarone und die Fischfabriken auch. Aber Schlutup ist trotzdem größer, als es vor 100 Jahren war. Vor und während des Zweiten Weltkriegs kamen die Munitionsfabriken, dann die Flüchtlinge, und heute ist Schlutup ein bei Jung und Alt beliebter Wohnort. Ricardo Potratz (25) steht mit seiner Tochter Mascha (2) vor einem Neubau, der zum Wohnprojekt Hintern Höfen gehört. Das Mehrgenerationenprojekt hat Menschen aus ganz Deutschland angezogen, die jetzt in den Häusern wohnen, die sich um einen Hof gruppieren, eine Art Dorf im Dorf mit Gemeinschaftshaus und Gästewohnung. Für Potratz bietet Schlutup ideale Bedingungen: „Es hat die Nähe zu Lübeck und trotzdem das Naturbelassene.“ Und er lobt: „Die Dichte an Spielplätzen ist beeindruckend.“

Herbert Dreseler (69) arbeitete bis 2009 bei Hawesta. „Jetzt genieße ich das Rentnerdasein in Schlutup“, sagt er vor seinem Haus nahe der Kirche. Es sei heute viel besser, hier zu wohnen als zu Anfang in den 1970er-Jahren. Damals zog der Dreck vom Hochofenwerk in Siems direkt herüber. „Manchmal kam ich morgens raus, und mein Auto sah aus wie verrostet, weil es voll Kupferstaub war“, erinnert er sich. Heute weht der Wind manchmal aus der Richtung seines alten Arbeitgebers: „Wenn man Glück hat, kommt Bratheringsgeruch rüber von Hawesta.“

Hanno Kabel

Wussten Sie schon, dass....

. . . Schlutup zugleich Stadtbezirk und Stadtteil ist? Mit knapp 6000 Einwohnern ist es der kleinste Stadtteil.

. . . zwischen Schlutup und Selmsdorf bis 1989 der einzige Grenzübergang zwischen einer westdeutschen Großstadt und der DDR lag?

. . . der Wilhelm-Krohn-Platz seit 2011 nach einem Fabrikarbeiter benannt ist, der 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen starb?

. . . die Fischkonservenfabrik Hawesta 2009 von der Rügen Fisch in Sassnitz übernommen wurde?

. . . die Schlutuper Ortsumgehung Ende Oktober 2014 eröffnet wurde? Die ersten Pläne stammten aus der Zeit des Mauerfalls.

. . . das Dorf in frühen Urkunden „Slucup“ hieß? Das bezeichnete einen befestigten Übergang.

. . . die Einwohnerzahl in Schlutup seit 2012 stärker gestiegen ist als im Lübecker Durchschnitt?

. . . der Anteil der unter 18-Jährigen mit 18,1 Prozent höher liegt als im Lübecker Durchschnitt (15,1 Prozent)?

5 Gründe, warum die Anwohner ihr Aegidienviertel so lieben:

Die malerische Lage an der Schlutuper Wiek, einer Ausstülpung der Trave, zieht Spaziergänger an – und wohlhabende Hauskäufer.

Die Natur umgibt Schlutup auch auf der Landseite: Jenseits der Umgehungsstraße liegt auf allen Seiten Wald.

Der Marktplatz wurde vor drei Jahren neu gestaltet und ist der Stolz der Schlutuper. Seit 2005 gibt es einen Wochenmarkt – den jüngsten Lübecks.

Der Gemeinsinn ist in Schlutup besonders ausgeprägt. Dem Gemeinnützigen Verein gehören fast 400 Menschen an – also jeder achte erwachsene Schlutuper. In der „Schlutuper Runde“ kommen
18 Vereine und andere Institutionen regelmäßig zusammen.

Der historische Kern bewahrt den Charakter des Fischerdorfs – mit der prächtig ausgestatteten Andreaskirche, den gedrungenen Fischerhäusern und den vielen alten Schornsteinen der Räucherkaten.

Die neue LN-Serie "Mein Viertel, mein Zuhause" entführt Sie alle zwei Wochen jeweils am Wochenende in ein anderes Viertel unserer Stadt. Sie stellt Ihnen die Menschen vor, die dort leben, und erzählt, was den Kiez so besonders macht. Was bewegt in den Stadtteilen? Gibt es etwas, das die Menschen in Ihrem Viertel bewegt, freut oder ärgert? Etwas, worüber die LN berichten müssen? Schicken Sie uns eine E-Mail an: redaktion.luebeck@ln-luebeck.de

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