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Lübeck Schöner Leben im alten Speicher
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09:03 09.10.2017
Die Architekten: Manfred Zill (l.) und Thomas Hallerbach haben den denkmalgeschützten Speicher an der Beckergrube saniert. Quelle: Foto: Lutz Roessler
Lübeck

Typisch sind die Fenster. Gusseiserne, dünne Streben teilen die Fläche in kleine Vierecke. Vier Mal vier Stück – sie sind mit Glasscheiben versehen. Klassische Industriefenster. Sie lassen sich nicht öffnen, sondern man muss die Scheibe in ihrer vertikalen Achse drehen, damit Luft hineinkommt. So jedenfalls war es früher. Jetzt sind diese Fenster eine Reminiszenz an die Vergangenheit dieses Gebäudes. Es steht an der Beckergrube, hat die Hausnummer 83/85, wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut – und strahlt noch den Charme eines einstigen Industriebauwerks aus. Seit 1990 steht es unter Denkmalschutz. Als Lübecker kennt man dieses Gebäude, in dem früher eine Billard-Kneipe war. Davor war es Speicher, Bierbrauerei, Bonbonfabrik, Kaffeerösterei – und jetzt wird dort stilvoll gewohnt.

Zeitzeugen einer anderen Epoche: Industriearchitektur fristet ein Schattendasein angesichts des Welterbes mit mittelalterlichen Kirchen und Backsteingotik. Langsam ändert sich das. Die Kulturwerft zeugt davon – jetzt wurde ein alter Speicher in der Beckergrube für sieben Millionen Euro hergerichtet.

Die Mischung ist exklusiv: Leben auf der mittelalterlichen Altstadtinsel, wohnen im denkmalgeschützten Industriebauwerk – und alles auf dem neusten Stand der Technik.

Das hat seinen Preis: 7,1 Millionen Euro beträgt das Investitionsvolumen, die Possehl-Stiftung hat davon 100 000 Euro übernommen. Der Quadratmeterpreis beträgt bis zu 3600 Euro. Hundert Quadratmeter Apartment kosten 360000 Euro. 21 Eigentumswohnungen sind dort entstanden auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern. Im Erdgeschoss hat ein Antiquariat auf 250 Quadratmetern Fläche eröffnet . Das Ganze ist ein Wohnprojekt der Firma Conplan. Die Bauwilligen lernen sich vorher kennen, entwickeln das Projekt zusammen – auch gemeinsam mit den Architekten. In diesem Fall Manfred Zill und Thomas Hallerbach. „Ein kompliziertes Projekt“, gibt Zill zu.

Das Gebäude an der Beckergrube ist ein Rechteck und hat sechs Stockwerke. Es steht an der Ecke zur Siebenten Querstraße 2. An die Rückwand des Speichers schmiegt sich ein weiteres, vierstöckiges Gebäude. Es beschreibt eine L-Form. Die kurze L-Seite knickt nach hinten ab und rahmt einen Miniatur-Innenhof von gerade einmal drei Mal drei Metern ein. Beide Gebäude gelten als Einheit, hatten stets dieselben Besitzer und wurden immer zusammen genutzt. Jetzt sind beide Gebäude auch fest miteinander verbunden – durch ein Treppenhaus. Der Eingang befindet sich in der siebten Querstraße, dadurch können die neuen Bewohner in beide Häuser gelangen. „Es ist auch ein Stück Stadtreparatur“, sagt Zill. Denn: Die Dächer der beiden Gebäude waren mit Teerpappe versehen. Jetzt haben sie ein Ziegeldach. Zudem war das Haus an der Siebenten Querstraße zwei Stockwerke höher. Die wurden irgendwann aufgestockt. Sie wurden jetzt abgerissen – und das Haus hat seinen einstigen Charakter zurück erhalten.

Das Problem der Gebäude: Dunkelheit. Damit die Wohnungen hell und licht werden, hat Zill gläserne Gauben im sechsten Geschoss eingebaut. Sie lassen Sonne in die vier Maisonettewohnungen hinein, die das fünfte und sechste Stockwerk miteinander verbinden. Außerdem haben alle Wohnungen Loggien, die nach hinten heraus gebaut sind – mit großen Fenstern, durch die Licht hinein kommt. Der Blick von dort fällt auf die Türme von St. Marien. Jede Wohnung ist anders geschnitten, die gusseisernen Streben sind freigelegt, geweißte Holzbalken stehen mitten in den Räumen, und in manchen Apartments sind noch die Kappendecken vorhanden – sie bilden wellenförmige Bögen. Eine Wohnung kann man noch kaufen, einige werden zur Miete angeboten.

Ein weiteres Problem: der Platz während der Bauzeit. Die beiden Gebäude stehen auf einer Grundfläche von 700 Quadratmeter – und so gut wie alles ist bebaut. Wohin mit den Bergen von Baumaterial?

Durch die Beckergrube rauschen täglich mehr als 6500 Autos, das Gerüst vor der Fassade hat sich schon etwas auf die Fahrbahn gedrängelt. Keine freie Fläche. Also muss das gesamte Material durch das Vorderhaus nach hinten transportiert – und auf der Baustelle gelagert werden. Das hat gedauert. Im April 2015 war Baustart, im Dezember 2016 sind die ersten eingezogen, jetzt ist alles fertig.

Historie

1324 wurde die Grundstücke an der Beckergrube Ecke Siebente Querstraße erstmals bebaut und auch gemeinsam genutzt. 1761 brannte das Haus an der Beckergrube 85 ab. Ein neues Haus diente als Speicher. Es gab das Recht, dort Bier zu brauen. Bis 1874 war es auch eine Bonbonfabrik. 1869 und 1873 kaufte die Firma Piehl+Fehling die Grundstücke. An der Siebenten Querstraße wurde 1874 ein Lagerhaus errichtet und an der Beckergrube 1898 der Speicher. 1929 wurde daraus eine Kaffeerösterei. Seit 1990 steht es unter Denkmalschutz.

 Josephine von Zastrow

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