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"Schrotti" und seine Harley: 40 Jahre Easy Rider in Lübeck

Lübeck "Schrotti" und seine Harley: 40 Jahre Easy Rider in Lübeck

Seit 40 Jahren unzertrennlich: „Schrotti“ alias Horst Hermann Groß und seine maigrüne Harley-Davidson. Jetzt fährt er wieder mit ihr in die neue Saison - und wird selbst 79.

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Nie ohne meine Harley: Schrotti und sein legendäres Motorrad. Zusammen haben sie schon 320 000 Kilometern zurückgelegt.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Schlutup. Neulich wieder. Da parkte er vor einem Café in Timmendorf Strand. Seine Maschine stand direkt zwischen den Stühlen, und als er den Geschäftsführer im schwarzen Anzug auf sich zukommen sah, dachte er an nichts Gutes. „Steh‘ ich ungünstig, mal ganz ehrlich“, fragte er, um allem Ärger aus dem Weg zu gehen. „Lass‘ ruhig stehen“, sagte der. „Ist ein Renommee für uns.“ So läuft das mit Schrotti und seiner Harley-Davidson.

LN-Bild

Seit 40 Jahren unzertrennlich: „Schrotti“ alias Horst Hermann Groß und seine maigrüne Harley-Davidson.

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Schrotti, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Horst Hermann Groß heißt, den aber niemand so nennt, lächelt breit, seine Pilotenbrille rutscht dabei fast von der Nase, er erzählt viele solcher Geschichten. Und fast immer handeln sie von seiner Harley, dem glitzerglimmergrünen 520-Kilo-Dampfer, inzwischen in Lübeck so etwas wie ein Wahrzeichen.

Schrotti sitzt in seiner Garage in Schlutup, die schöner kaum liegen kann. Etwas außerhalb, direkt an der Trave, mit freiem Blick auf das Wasser. In frühen Tagen war das Haus nebenan eine Kneipe gewesen, seit 1978 wohnt Schrotti jetzt hier, und mit der Zeit hat er die Garage in ein Schrauber-Paradies verwandelt. Mit Bollerofen, Lümmelcouch, mit am Boden ausgedienten Perserteppichen, die Wände drapiert mit Fotos, Urkunden, Andenken, und im Mittelpunkt dieses Universums — seine Maschine.

Am 4. Juni ist er mit ihr genau 40 Jahre unterwegs, er ist jeden einzelnen der 320 000 Kilometer selbst gefahren, nicht einen Tag war das Motorrad abgemeldet, nie hat er es aus der Hand gegeben.

Manche kaufen sich eine Harley, um sie sich ins Wohnzimmer zu stellen, andere kaufen sie aus Prestigegründen. „Zahnwälte“ nennt er diese Sorte Fahrer, ein Wortspiel aus Anwälte und Zahnärzte und Anspielung darauf, dass das Motorrad ein kleines Vermögen kostet. „Weiß‘ du, was man seriös nennt“, fragt er und gibt sich die Antwort gleich selbst. „Wenn einem nichts mehr einfällt.“ Er lacht, seine Brust hüpft, über dem Jeanshemd trägt er eine Weste mit vielen Medaillen, er sieht aus wie ein Kriegsveteran.

Um zu verstehen, wie Schrotti denkt, muss man ihm durch die Jahre folgen. In den letzten Kriegstagen floh er mit seiner Familie aus Königsberg in Ostpreußen nach Oldenburg in Oldenburg, später machte er eine Lehre zum Lokomotivschlosser, dann fuhr er als Ingenieur-Assistent und „was nich‘ alles“ zur See; er kam viel rum, „Rotchina, Kuba“, zum fünften Jahrestag stand er bei Fidel Castro auf dem Regierungsgebäude mit kubanischer Flagge; er habe einiges auf der Uhr, sagt er, und es wäre wohl immer so weitergegangen, hätte er nicht irgendwann diese Idee gehabt, sich in Lübeck als Schrotthändler selbstständig zu machen; Schrotti, Schrotthändler, so hängt das zusammen.

Auf alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen sieht man ihn in engen Jeans mit Schlag auf seiner Maschine sitzen, es war die Zeit, als sich die Motorrad-Szene auf die neuen und schnelleren Modelle von Honda und Kawasaki stürzte, Schrotti aber fuhr wie zum Trotz sein altes Geraffel, reisen wollte er, nicht rasen. Jahre zuvor hatte er in San Francisco einen Polizisten auf einer Harley gesehen, easy rider, born to be wild, diese Nummer, halb zog es ihn, halb sank er hin. Und als er dann das Geld zusammen hatte, erfüllte er sich seinen Traum, kaufte sich seine erste Harley, dann eine Zweite, und 1976 schließlich machte er für 11000 Euro den Kauf seines Lebens.

In einer Holzkiste und 22 Kartons kam jene Maschine geliefert, die ihn zur fahrenden Legende machte, damals noch „sunset blau“ und mit weißen Packtaschen an der Seite. Die erste Ausfahrt ging nach Köln zu einem Harley- und Indian-Treffen, und es war alles so, wie er es sich vorgestellt hatte. Das Blubbern, der Motor, stampfend und bebend, der Rest ist Geschichte.

Schrotti legt die alte Zulassung auf den Tisch, „hast du so etwas schon mal gesehen“, fragt er, seine Stimme knarzt. Früher hat er täglich bis zu zwölf Zigarren geraucht, dazu Pfeife, seit sechs Jahren ist er „clean“. Er ist einer der ältesten Harleyfahrer. Er ist Mitbegründer des deutschen Harley- Clubs, heute ist er deren Ehrenmitglied. Bis zu 7000 Kilometer ist er im Jahr unterwegs, er sagt, ohne Schmerzen. Über Pfingsten will er zum Harley-Treffen nach Spanien fahren. Vier Tage hin, drei Tage feiern, vier Tage zurück, 2000 Kilometer pro Strecke. Geschlafen wird im Zelt auf der „Rheumawiese“. Keine Frage, er ist stolz darauf.

In einem Monat wird er 79.

Männer, Maschinen und Mythen

Für viele Motorradfahrer ist nach einem langen Winter die erste Sonne das Startzeichen in die Saison, quasi offiziell aber wird das Ganze erst mit dem Motorradgottesdienst. In Lübeck findet er in diesem Jahr am Sonntag, 24. April statt, Treffpunkt: St. Marien, 12 Uhr.

Stichwort Harley-Davidson : 1903 nagelten William Harley und die Brüder Arthur und Walter Davidson auf deren Grundstück in Milwaukee im US-Staat Wisconsin einen Schuppen zusammen, pinselten darauf „Harley-Davidson Motor Co.“ — und eine Legende entstand. Schätzungsweise 110 000 Harleys gibt es in Deutschland, in den USA aber, wo das Motorrad verehrt wird wie kein anderes, werden noch immer die meisten Modelle verkauft.

Das Geräusch einer Harley wird lautmalerisch mit „PotatoPotatoPotato“ wiedergegeben. Lange hatte das Unternehmen versucht, sich das Geräusch unter Musterschutz stellen zu lassen. Vergeblich. Nach Jahren kapitulierte Harley-Davidson.

Von Marion Hahnfeldt

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