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Lübeck Schüsse im Lauerholz: Die große Jagd auf die Tiere des Waldes
Lokales Lübeck Schüsse im Lauerholz: Die große Jagd auf die Tiere des Waldes
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09:46 25.11.2016
Revierleiter Kai Neumann (40) wartet nahe dem Wesloer Weg auf das Wild. FOTOS: OLAF MALZAHN

So früh am Morgen ist es kalt im Lauerholz. Der November hat den Laubbäumen bereits die meisten Blätter genommen, doch der Ort, auf den Revierleiter Kai Neumann seine Augen richtet, ist grün und dicht bewachsen. Es ist eine Senke, etwa 70 Meter von seinem Hochsitz entfernt; Kiefern und Birken wachsen dort unten. „Sicher ist Schwarzwild darin“, sagt Neumann leise. Die Frage ist bloß, ob die Treiber es ihm hinausdrängen werden.

40 Schützen haben vier Stunden auf Schwarzwild und Rehe angesessen.

„Eine Jagd wie heute gab es hier noch nie“, berichtet der 40-Jährige. Mit 40 Schützen, 16 Hunden und zwölf Treibern ist es die größte Drückjagd auf Rehe und Schwarzwild, die das Lauerholz je erlebt hat. Vor dem Rückbau des Wesloer Weges wurden West- und Ostteil des Waldes zu unterschiedlichen Zeiten bejagt; die Gefahr, dass Tiere auf die Straße liefen, war zu groß. Heute ist das anders: Sieben Treibergruppen sind in dem 900 Hektar großen Gebiet unterwegs. Aus allen Himmelrichtungen „drücken“ sie das Wild zu den Schützen auf den Hochsitzen. „Die Hunde spüren es auf, die Treiber versuchen es in Bewegung zu setzen“, erklärt Neumann.

Wozu das Ganze? „Um den Wald im Gleichgewicht zu halten“, sagt der Revierleiter. „Die Rehe fressen die Knospen an jungen, nachwachsenden Bäumen, werden es zu viele Rehe, wächst nichts nach, und die Waldverjüngung wird blockiert.“ Und warum Wildschweine? „Von ihnen gibt es fast überall zu viele, sie dürfen nicht so zahlreich werden, dass sie den Wald verlassen.“

Im Lauerholz, so schätzt Neumann, gibt es 400 Wildschweine und 150 Rehe. Seine Hoffung ist, dass es mit Ende der Jagd 40 Schweine und 15 Rehe weniger sind. Gegen 9 Uhr knallt es zu diesem Zweck zum ersten Mal. Irgendwo weit weg, doch es dauert nicht lang, bis ein zweiter Schuss folgt, dann ein dritter, und plötzlich ertönt einer ganz in der Nähe. „Etwa 350 Meter nordöstlich von hier sitzt der nächste Schütze“, erklärt Neumann. Die Treiber scheinen ihre Aufgabe zu erfüllen.

Neumann hat seine Waffe – eine Repetierbüchse – an das Geländer des Hochsitzes gelehnt. Wenn Tiere kommen, muss er schnell sein, denn anders als bei der Ansitzjagd sind die Tiere jetzt auf der Flucht und das Zielen ist schwieriger. „Auf Rehe im Lauf wird nicht geschossen, die sind zu schnell“, erklärt Neumann. Und gewollt sei immer ein „Blattschuss“, ein Treffer hinter das Schulterblatt, damit das Tier sofort tot ist. Ein Trick, damit flüchtige Rehe stehenbleiben, sei Pfeifen. „Das irritiert sie.“

Nach einer halben Stunde ist die Gelegenheit fast da. Zwei Rehe tauchen am Rand der Senke auf. Neumann hat das Gewehr in der Hand, doch er legt nicht an. „Eine Ricke mit Kitz“, sagt er. „Aber an den Rand der Senke werde ich nicht schießen.“ Die Kugel könnte kilometerweit in nicht einsehbares Gebiet dringen – zu den Hundeführern, Treibern und den Menschen, die sich trotz warnender Beschilderung heute im Wald aufhalten. „Kugelfang muss deswegen immer der sichtbare Boden sein.“

Neumann lehnt das Gewehr zurück an das Geländer. Jetzt heißt es wieder warten; der Morgen schwindet, und als die Jagd am Mittag zu Ende ist, hat Neumann kein „Stück“ geschossen. „Stück“ – wie das Wild in der Jägersprache genannt wird, das klingt sehr sachlich. Ist dieser Begriff auch Ausdruck der Sicht eines Jägers auf ein Tier? „Nein“, sagt Neumann, es sei einfach nur ein Wort. Die Jagd sei für ihn etwas Berufliches, etwas, das mit der Verantwortung für den Wald und damit auch für die lebenden Tiere darin zu tun habe.

Sichtbar ist später am Nachmittag dennoch nur vergangenes Leben; auf dem Holzhof Wesloe werden die 30 „Stück Schwarzwild“ und 18 „Stück Rehwild“ aufgebrochen. Es ist blutige Arbeit, die die Männer und Frauen routiniert verrichten. Man erzählt sich, wie es gewesen ist, doch keiner scheint euphorisiert von der Jagd. Es ist eine arbeitsame Atmosphäre – man hat etwas getan, das anstand. Und jetzt ist es vorbei.

Regeln

Nicht geschossen werden bei Schwarzwild führende Bachen und Frischlinge. Bei Rehwild wird ebenfalls kein Nachwuchs geschossen, der noch gesäugt wird – und damit auch keine Ricken, deren Kitze sonst allein nicht überleben könnten. Ansonsten gelten für alle Tiere spezielle Schonzeiten, in denen gar nicht gejagt werden darf.

Mit einem „Blattschuss“ soll schnell getötet werden. Wird das Tier „nur“ verletzt und läuft weg, muss der Jäger auf Nachsuche gehen und es umgehend erlösen.

Das Verständnis ist größer geworden

Zwei Sauen hat er geschossen. „Waidmanns Heil“, wünscht dazu der eine. „Waidmanns Dank“, sagt der andere. Und am besten noch ins Jagdhorn blasen. Fragt mich einer, was ich von der Jägerei halte, sage ich: „Das ist nicht meine Welt.“

Doch meine Welt ist auch noch nicht besonders groß; und ein Jäger hat sie bis gestern nie betreten. Wozu auch? Seit zehn Jahren habe ich kein Fleisch mehr gegessen. Wildschweinbraten gab es bei uns zu Weihnachten also lange nicht mehr. Eindrückliche Bilder aus der industriellen Fleischproduktion hatten meinen Fleischverzicht vor vielen Jahren begründet. Und so viel Bio wie heute gab es damals nicht.

Nach der Jagd habe ich gesehen, wie ein Tier ausgenommen wird. Man hat mir erklärt, wie man es richtig aufschneidet, und dass die Gallenblase über der Leber nicht auslaufen darf. Der Geruch von Blut lag in der Luft. Das alles hat mir erstaunlich wenig ausgemacht. Einmal, weil ich das Töten von Tieren zwar für mich, aber nicht für andere per se ablehne. Zum anderen, weil ich wusste, dass diese Tiere ein natürliches Leben hatten. Das Fleisch wird jetzt verkauft. Ich würde es eher essen als Industrieware. Man kann sagen, nachdem ein Jäger meine Welt betreten hat, ist sie größer geworden. Es ist ein wenig mehr Verständnis darin. Gut, man muss aber auch sagen, dass keiner ins Jagdhorn geblasen hat.

 Luisa Jacobsen

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