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Lübeck Schulung für Geist und Körper
Lokales Lübeck Schulung für Geist und Körper
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21:30 10.11.2017

Nach und nach finden sich elf Männer im Trainingsraum der Wing Tsun Akademie in der Lübecker Wahmstraße ein, mit leichter Verspätung kommt noch eine junge Frau hinzu. Alle tragen T-Shirts mit unterschiedlich großen roten oder grauen Abschnitten. Keine modischen Details, sondern Zeichen für den Stand der Ausbildung. Der, dessen Shirt überwiegend rot ist, ist DaiSifu Roy Schirdewahn (50), der nicht nur ein Meister dieser Selbstverteidigungsart, sondern auch Sozialpädagoge ist. Er leitet 15 Schulen in Schleswig-Holstein und Hamburg, in der einstigen Rösterei ist er seit 1998 mit seiner Schule ansässig.

Freundlich begrüßt Schirdewahn die Teilnehmer, nach einer Verbeugung beginnen die ersten Aufwärmübungen. „Stoßen, stoßen, ziehen, stoßen“, sagt der Chef, das alles aus der Grundhaltung mit gekreuzten Armen. Dann geht es um Gewichtsverlagerung – Fauststoß rechts, Gewicht verlagern, Fauststoß links. „Es geht ums Gleichgewicht, das psychische wie das physische“, sagt der Meister. Letzteres demonstriert eindrucksvoll Schüler Gregor Muxfeldt (33). „Kennen Sie das Gestampfe der Sumo-Ringer“, fragt er und macht es vor. Die Trainingsbesucherin probiert es aus: lässt sich von Muxfeldt schubsen und reagiert mit einem nicht gerade eleganten Ausfallschritt nach hinten – erfolgreich!

Inzwischen sind die Schüler zu Partnerübungen übergegangen. „Der Partner will schubsen, packen, ranziehen – ich steh fix und mach mit ihm, was ich will“, erklärt Schirdewahn die erste Übung. Was die überwiegend sehr fortgeschrittenen Schüler machen, sieht für den Laien etwas verwirrend und unübersichtlich aus, doch die Abwehr des „Gegners“ gelingt immer. Einige starren das Gegenüber regelrecht an. Das hilft, das Handeln des Gegners vorherzusehen. Ebenso wie das Abstasten an den Armen zum Beispiel. Bei Wing Tsun, so Schierdewahn, werde die Fähigkeit entwickelt, den selten genutzten Tastsinn zu reaktivieren, sprich die Wahrnehmung zu schulen. Denn: „Wing Tsun nimmt die Kraft des Angreifers unmittelbar auf, lenkt sie in eigene Kraft um, verstärkt sie und richtet sie gezielt gegen den Angreifer.“

Natürlich gehört dazu auch eine gewisse Körperbeherrschung, die in Kombination mit entsprechender Technik Vertrauen und Selbstbewusstsein schafft – unabhängig von Körpergröße und Gewicht. Genau deshalb hat Nadine Schmidtsdorff (37) vor drei Jahren mit Wing Tsun angefangen: „Ich bin klein und leicht und habe die Erfahrung gemacht, dass ich einer Freundin helfen wollte, aber nicht konnte.“

Inzwischen kann sie sich wehren. Doch Nadine, die auch Präventionskurse in Kindergärten gibt, weiß: „Die meisten Frauen verfallen in Schockstarre, wenn sie mit einem Täter konfrontiert werden.“

Genau das weiß auch Rosa Ferrante Bannera, die in der Welsbachhalle die Wing Tsun Universe (WTU) Schule leitet. „Unter Adrenalin ist das Denken blockiert“, sagt die 37-Jährige, die jüngste Wing Tsun Meisterin weltweit war. Nur bestimmte Techniken zu erlernen, reiche nicht aus. Weshalb ihr Training in die körperliche Entwicklung eingreife, was heißt: „Wir kurbeln bestimmte Bewegungsabläufe wieder an, man wird lockerer, entspannter, bekommt ein ganz anderes Körpergefühl.“ In einer Notsituation reagiere der so Trainierte dann nahezu automatisch „mit neuronalen Fähigkeiten“. Wichtig: Da man sich meist gegen Stärkere verteidigen müsse, gehe man in Richtung des Angreifers, nehme dessen Schwung auf und richte ihn gegen den Aggressor.

Wie Kollege Schirdewahn und viele andere setzt Ferrante Bannera allerdings zunächst einmal auf Selbstbehauptung. „Allein schon durch einen entsprechenden Blick kann es sein, dass man den Willen des Täters bricht.“

Die Gruppen sind bei Ferrante Bannera gemischt, die Jüngsten sind fünf Jahre alt, die Ältesten um die 60. „Man kann in jedem Alter damit anfangen“, sagt die Schulleiterin. Und manch einer bleibt lange dabei – wie die Teilnehmer bei Roy Schirdewahn, die Wing Tsun als Fitnesstraining für Körper und Geist nutzen.

Von Sabine Risch

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