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Lübeck Schwere Fracht auf großen Rollen
Lokales Lübeck Schwere Fracht auf großen Rollen
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09:51 23.01.2017
Die „Tavastland“ wird entladen oder – in der maritimen Sprache – „gelöscht“. Von 16 bis 23 Uhr geht die Spätschicht. Bis dahin soll alles fertig sein. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat (4), Peer Hellerling (1)

Zu Schichtbeginn dunkelt es bereits. Mit dem schwindenden Tageslicht erstarken künstliche Lichter, die von Arbeit zeugen. Die orangefarbene Kleidung der Angestellten reflektiert unter zahllosen Lampen der Hallenvordächer und Scheinwerfern schwerer Fahrzeuge.

Am Nordlandkai wird vor allem Papier umgeschlagen – Doch die Branche ist im Umbruch.

„Freitags ist am meisten los“, sagt Sven Wernecke, Betriebsleiter des Bereichs Forstprodukte bei der LHG. Drei Schiffe laufen bis zum Abend im Terminal ein. Drei von insgesamt fünf pro Woche. „Am Wochenende wollen die Reeder, dass ihre Schiffe auf See sind“, erklärt Wernecke, denn da sei der Hafenbetrieb besonders teuer.

Heute ist die „Finnmill“ aus dem finnischen Kotka gekommen, die „Tavastland“ aus Kemi und Oulu sowie die „Seagard“ aus St. Petersburg. Sie alle bringen vor allem: Papier. „2016 haben wir am Nordlandkai 750 000 Tonnen Papier umgeschlagen“, berichtet der Betriebsleiter. Doch der Markt ist schwach, die Nachfrage sinkt, und die Hersteller müssen schauen, wo sie am günstigsten umschlagen.

2015 hat die LHG den finnischen Papierhersteller UPM verloren – das Unternehmen wechselte zum Rostocker Hafen.

Doch der Betrieb muss weitergehen. Kurz nach Schichtbeginn um 16 Uhr beginnt das Löschen der „Finnmill“ im StoRo-Verfahren: Tugmaster ziehen Kassetten mit Papierrollen aus dem Unterdeck. An Land werden Secu-Boxen auf Unterfahrwagen bewegt. Das 484000 Quadratmeter große Terminalgelände ist eine eigene Welt, mit einer eigenen Sprache. StoRo bedeutet „stowable Roll on Roll off“, erklärt Wernecke. Im Gegensatz zum RoRo-Verfahren, wo die Güter beweglich sind, muss die Ladung mit Fremdfahrzeugen vom Schiff gebracht werden. Der Schwerpunkt auf Papier ist am Nordlandkai allzu sichtbar; obgleich auch Holz, Stabstahl und Stückgüter umgeschlagen werden.

Andreas Kretschmann (50) verbringt 80 Prozent seiner Arbeitszeit mit diesem Papier. Am Freitag ist er landseitig eingesetzt, mit einem Klammerstapler belädt er den Lkw eines Lübecker Kunden. Er muss umsichtig sein. Der Druck auf die Rolle darf nicht zu hoch sein – sonst wird sie eingedrückt. Zu niedrig darf er nicht sein – sonst fällt sie runter. Allein eine Rolle kann bis zu sieben Tonnen wiegen, und eine Tonne hat einen Wert von etwa 800 Euro. Doch nach 19 Jahren bei der LHG hat Kretschmann genug Erfahrung.

So auch sein Kollege Michael Schnasse (59): Er bewegt mit seinem Fahrzeug Secuboxen (überdurchschnittlich große Container) gefüllt mit – Papier. „Ich bin auch 19 Jahre hier“, erzählt der gelernte Schlosser. Am Anfang sei es schwierig gewesen. Auf einen Außenstehenden müssten die Bewegungen am Terminal wie das Gewusel in einem Ameisenhaufen wirken. „Es dauerte, bis die Abläufe klar waren“, erinnert sich Schnasse. Mittlerweile möchte er nicht mehr fort vom Hafen. „Unter den Kollegen kann man sein, wie man ist. Und die Arbeit ist anstrengend, aber ich mache sie gern.“ Trotzdem sei die Stimmung in der Belegschaft bedrückt. „Wenn man nicht weiß, wohin es geht, hinterfragt man die Zukunft, das ist ja klar“, sagt Schnasse.

„Die LHG befindet sich in schwerem Fahrwasser, so ehrlich muss man sein“, kommentiert Wernecke. Veränderungen stünden an. „Und denen müssen wir uns stellen“, sagt der 47-Jährige. Vielleicht gerät das Papier am Nordlandkai dann in den Hintergrund: „Massenware ist zum Beispiel eines der Felder, das die LHG erschließen könnte.“ Doch das wird dauern, man wird sehen, was die Zukunft in den Hafen bringt.

HanseTalk am Mittwoch zum Hafen

 „Lübecks Hafen in schwerer See – Suche nach dem richtigen Kurs“ lautet der Titel der HanseTalk-Podiumsdiskussion am Mittwoch, 25. Januar, um 18 Uhr im Beichthaus des Hansemuseums. Die Lübecker Nachrichten und das Europäische Hansemuseum organisieren die Veranstaltung gemeinsam. Es diskutieren: Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD), der Chef der Lübecker Hafen-Gesellschaft Sebastian Jürgens, Verdi-Bundesfachgruppenvorstand Häfen Thomas Mendrzik sowie Marco Lütz vom Vorstand des Vereins Lübecker Spediteure. Dabei geht es um eine Lösung, wie der Lübecker Hafen wieder auf Erfolgskurs gebracht werden kann.

Das Gespräch wird ergänzt durch ein Interview mit dem Autor und Kreuzfahrtexperten Jobst Schlennstedt. Auch eine Runde mit Fragen aus dem Publikum ist vorgesehen. Der HanseTalk ist kostenlos. Es gibt nur noch sehr wenige Restkarten, für die Sie sich per E-Mail mit Adresse und Telefonnummer an invitation@hansemuseum.eu anmelden müssen.

 Luisa Jacobsen

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