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Lübeck Schwere Unwetter: Hansestadt vertraut auf ihr Frühwarnsystem
Lokales Lübeck Schwere Unwetter: Hansestadt vertraut auf ihr Frühwarnsystem
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17:12 07.06.2016
Bei Starkregen wie diesem am 7. November 2015 ist die Kanalisation überfordert, wie das Bild aus der Ratzeburger Allee zeigt. Quelle: Fotos: Kröger, Wulff

Seit Tagen halten heftige Unwetter weite Teile Deutschlands in Atem. Starkregen fällt in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit solcher Wucht und Ausdauer, dass harmlose Bäche zu gefährlichen Strömen anschwellen, Kommunen zerstören und Menschen töten.

„Auch in Lübeck können als Folge des Klimawandels vermehrt solche Unwetter auftreten“, erklären Fachleute. Lübeck aber fühlt sich dafür gerüstet. Dank eines Frühwarnsystems namens Rain Ahead. Umweltsenator Ludger Hinsen (CDU): „Die Lage bei uns ist deutlich besser als in Städten, die das Warnsystem nicht haben.“

 

„Wir sind mit mehreren Kommunen im Gespräch über das Frühwarnsystem.“Dr. Thomas Einfalt (Wetterforscher)

Seit Mitte Mai 2015 nutzt die Feuerwehr dieses System. Zehn Tage zuvor – als Rain Ahead noch nicht installiert war – fegte das Sturmtief „Zoran“ durch die Hansestadt; eine Gewitterfront mit Orkanböen und lokal teils sintflutartigen Regenmengen. Zahlreiche Bäume stürzten um, Dächer wurden abgedeckt, ein Museum wurde geflutet, und die Feuerwehren rückten in zwei Stunden zu 250 Einsätzen aus.

Um künftig rechtzeitig zu warnen, haben die Wetterforscher von „hydro & meteo“ eine Software entwickelt, die aus Daten des Deutschen Wetterdienstes Vorhersagen entwickelt. Das Stadtgebiet wurde dafür in Quadrate aufgeteilt, und für jedes Quadrat wurde eine maximale Regenmenge definiert. Nähert sich ein Unwetter, erhält die Leitstelle der Berufsfeuerwehr per E-Mail die wichtigsten Angaben – eine Stunde, bevor es loslegt. „Die Feuerwehr kann dann ihre Kräfte in der Leitstelle verstärken, um mehr Notrufe entgegennehmen zu können“, erklärt Dr. Thomas Einfalt vom Ingenieurbüro.

Katastrophenschützer und Anwohner könnten Gefahrgüter aus Wohnungen, Kellern oder Autos aus Tiefgaragen entfernen, hilfsbedürftige Menschen könnten unterstützt und Gebäude evakuiert werden. Birgit Hartmann, Bereichsleiterin Umweltschutz: „Das Warnsystem hilft unserer Stadt, sich auf Starkregen- Ereignisse, die im Zuge des Klimawandels verstärkt auftreten werden, vorzubereiten.“

Aber ganz so ausgereift ist das System noch nicht. „Wir können noch keine Warnungen an die Bürger weitergeben“, sagt Wetterforscher Einfalt. Das Frühwarnsystem müsse nachjustiert werden. Anfang August vergangenen Jahres wurde vor einem Extremwetter für Lübeck gewarnt, aber es kam in Bad Schwartau herunter.

Einfalt: „Wir hatten auch zwei Fälle, bei denen es nicht so stark geregnet hat, wie wir es vorhergesagt hatten.“ Erst in der vergangenen Woche zog ein Unwetter von Mecklenburg-Vorpommern in Richtung Lübeck. Einfalt: „Vor Lübeck teilte es sich in einen nördlichen und einen südlichen Zweig auf und zog an der Hansestadt vorbei.“

Ein Problem ist auch die künftige Finanzierung des Frühwarnsystems. Nach Angaben von Einfalt verlangt der Deutsche Wetterdienst, dessen Daten „hydro & meteo“ verwendet, künftig Gebühren. Einfalt: „Noch sind wir ein Forschungsprojekt, stehen die Daten kostenlos zur Verfügung.“ Umweltsenator Hinsen plant, das Projekt fortzusetzen.

Parallel arbeiten die Wissenschaftler und Behördenvertreter an einem vorsorgenden Hochwasserschutz. Dazu wird eine Gefahrenkarte erstellt, in der Mulden, Tiefgaragen oder Öltanks verzeichnet sind.

Diese Karte diene als Grundlage für „passgenaue Vorsorgemaßnahmen“. Behörden könnten Regenrückhaltesysteme ausreichend bemessen, Hausbesitzer ihr Hab und Gut durch Barrieren schützen. „Wir können Starkregen-Ereignisse nicht verhindern, aber wir können durch eine vorsorgende Planung deren Schäden minimieren“, erklärt Ludger Hinsen.

Klimawandel in Lübeck

Nasse Winter sowie längere Phasen hochsommerlicher Hitze, unterbrochen von heftigem Starkregen – so sieht ein städtisches Gutachten aus dem Jahr 2013 die Folgen des Klimawandels in der Hansestadt.

Das Kooperationsprojekt Rain Ahead wird vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit unterstützt und läuft seit drei Jahren. Der Bereich Umwelt, die Fachhochschule und das Ingenieurbüro „hydro & meteo“ arbeiten daran. Ziel ist die Erstellung eines „integrierten Planungs- und Warnwerkzeugs für Starkregen“.

 Kai Dordowsky

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