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Lübeck Schwerverletztes Sturmopfer: Anwälte prüfen Klage gegen Stadt
Lokales Lübeck Schwerverletztes Sturmopfer: Anwälte prüfen Klage gegen Stadt
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22:44 07.11.2013
Die alte Linde am Neuhof kippte während des Sturms „Christian“ um und begrub die 57-jährige Suha E. unter sich. Quelle: Fotos: Holger Kröger

Der Schock sitzt weiterhin tief bei den Angehörigen von Suha E., die während des Orkans „Christian“ von einem umstürzenden Baum getroffen wurde (die LN berichteten). „Sie hat noch einen sehr langen Weg vor sich“, sagt die 33-jährige Tochter Hind H., die sich nun mit Tante Maha A. (59) um alles kümmert. „Sie wacht langsam aus dem Koma auf.“

Das Unglück geschah am 28. Oktober gegen 15.35 Uhr am Neuhof (St. Lorenz Nord). Während der Orkan „Christian“ wütete, wollte Suha E. zu ihrem silbernen Mercedes vor dem Haus. „Wir wissen nicht, was sie vorhatte“, sagt Hind H., „sie konnte es uns bisher nichts sagen.“ Plötzlich kippte die 91 Jahre alte Linde am Fußweg um und begrub die 57-Jährige unter sich. Beschädigt wurden vier Autos, auf denen der Baum liegenblieb — das rettete E. wohl das Leben.

In der Uniklinik wurde E. sofort notoperiert. Unter anderem zwei Wirbel seien zertrümmert worden, laut Hind H. mussten sie entfernt werden. „Das rechte Bein ist gelähmt.“ Selbst die Ärzte wissen nicht, ob das so bleibt. Als die Nachricht vom Unfall eintraf, flog Hind H. umgehend von Dubai nach Lübeck - dort arbeitet die Deutsche seit knapp einem Jahr. Ihre Tante Maha A., Lehrerin in Schweden, kam ebenfalls sofort an die Trave.

Suha E. kümmerte sich um ihre geistig behinderte Tochter Rand H., das soll nun die Tante übernehmen. Deshalb hat sich die Familie an die Anwälte Kay Nikolaus Jansen und Christopher Bartscht gewandt.

Außerdem prüfen sie, ob sie die Stadt auf Schadenersatz verklagen. „Die große Frage ist, wie es zu dem Unfall kommen konnte“, sagt Jansen. Sein Verdacht: Der Baum war womöglich morsch, und die Verwaltung kam ihrer Verkehrssicherungspflicht nicht nach.

Dass die Linde nicht mehr richtig festsaß, beweise das Umkippen mitsamt Wurzeln. Jansen: „Die scheinen geschädigt gewesen zu sein.“ Seltsam sei auch, dass nur einen Tag nach „Christian“ die benachbarte Linde ebenfalls entfernt wurde — nachdem ein Gutachter sein Urteil abgegeben hatte. „Diese hat den Sturm doch anscheinend unbeschadet überstanden“, so Bartscht.

Das Abholzen der zweiten Linde war laut Stadt eine Vorsichtsmaßnahme. „Durch das Umstürzen hat sich der Winddruck verändert“, sagt Sprecher Marc Langentepe. Beim Unglücksbaum bestätigt er jedoch, „dass die Wurzeln geschädigt waren“. Als mögliche Ursache werden Aufgrabungen vermutet — etwa wegen Arbeiten an Versorgungsleitungen unter dem Fußweg in den vergangenen Jahrzehnten. „Der Baum selbst war vital.“

Bei der letzten Routinekontrolle am 22. Januar musste nur etwas Totholz entfernt werden, Wurzelprobleme seien nicht erkennbar gewesen. „Dazu müssten wir den Baum ausgraben“, sagt Langentepe. „Dabei hätten wir spätestens die Wurzeln geschädigt.“ Der Verkehrssicherungspflicht sei man daher nachgekommen. Dieses Jahr wurden bereits etwa 30 abgestorbene oder morsche Bäume gefällt.

Lübeck ist über den Kommunalen Schadenausgleich Schleswig- Holstein (KSA) versichert. Er übernimmt alle Haftpflichtfälle kommunaler Einrichtungen, die Mitglied sind. „Wegen des Sturms haben wir etliche Schadensmeldungen“, sagt Geschäftsführer Mathias Banck. „Auch dieser Vorfall ist zu prüfen, sofern er angegeben wird.“ Er geht davon aus, dass die meisten Schäden als höhere Gewalt eingestuft werden, Ansprüche deshalb nichtig sind.

Selbst Hind H. geht es nur zweitrangig um Schadenersatz. „Die Hauptsache ist, dass meine Mutter überlebt.“ Deshalb schaut sie auf Montag, dann steht eine weitere große Operation an. „Ich bin jede freie Minute bei ihr“, sagt sie.

Peer Hellerling

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