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Lübeck Seinen Gebetsteppich darf Hussein Almasri behalten
Lokales Lübeck Seinen Gebetsteppich darf Hussein Almasri behalten
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09:50 25.07.2017
Hussein Almasri (29) lebt in einem der roten Container im Polarisweg und soll Teppich, Sofa und Regal entfernen. Quelle: Fotos: Dordowsky, Neelsen

Das dunkelbraune Ledersofa, das ganz hinten in der Unterkunft steht, hat der 29-jährige Asylbewerber Hussein Almasri sich gekauft. „Ich kann nicht den ganzen Tag auf einem Holzstuhl sitzen“, sagt Almasri. Mit drei weiteren Männern teilt er sich den Container im Polarisweg gegenüber der Bundespolizeiakademie. Tisch, Stühle, zwei Schränke und die Hochbetten, dazu eine kleine Küchenzeile – das war die Ausstattung, als Almasri vor neun Monaten hier einzog. Ein Teppich und ein Regal für sein Geschirr wurden ihm geschenkt. „Der Teppich ist wichtig, um den Container sauberzuhalten“, sagt der Syrer. Denn die Tür steht meistens offen und Staub wird hineingeweht. Vor drei Wochen wurde Almasri aufgefordert, Teppich und Sofa zu entfernen. Aber seinen kleinen Gebetsteppich darf er behalten.

Teppich-Verbot in Asylbewerberheimen stößt auf breites Unverständnis.

Das Teppich-Verbot für die städtischen Flüchtlingsunterkünfte (die LN berichteten) wegen Brandschutzes wühlt nicht nur die Geflüchteten, sondern auch ihre ehrenamtlichen Betreuer auf. „Ich war am Boden zerstört, als ich gestern Abend eine Familie in der Unterkunft Schlesienring 55 besuchte und bei meiner Ankunft den Straßenrand voller Teppiche und Sofas entdeckte“, berichtet Bärbel Bach. „Ich habe noch von keiner anderen Stadt gehört, dass dort so unwürdig mit den Menschen umgegangen wird.“ Ingrid Brockmann und ihr Mann sind seit eineinhalb Jahren mit einer Flüchtlingsfamilie befreundet.

Die Mutter lebt mit ihren vier Kindern zwischen fünf und 16 Jahren sehr beengt. Brockmann: „Die Wohnverhältnisse waren bisher bereits eine Herausforderung für alle Beteiligten. Nun aber ist das Schlafsofa der ältesten Tochter auch noch entfernt worden.“

„Brandschutz und Standards stammen aus der Zeit, als Geflüchtete nicht länger als zwölf Monate in einer Gemeinschaftsunterkunft verweilten, bevor sie eigenen Wohnraum beziehen konnten“, sagt Katja Mentz (GAL), „Solange wir das nicht gewährleisten können, müssen wir die Standardausstattung in Gemeinschaftsunterkünften dringend dahingehend verbessern, dass nicht nur schlafen und sitzen, sondern auch tatsächlich wohnen ermöglicht wird.“

Die Grünen-Fraktionschefin Michelle Akyurt bezeichnet das Vorgehen als „rigoros und unverhältnismäßig“. Mit der so oft in den Sonntagsreden hoch gepriesenen Willkommenskultur habe das rein gar nichts zu tun. Akyurt: „Die Einhaltung von Brandschutzvorkehrungen und das Einstellen von Sofas und Teppichen schließen sich definitiv nicht aus.“ Familien mit Kindern könnten nicht über Jahre in den kargen Zimmern leben. Die Grünen-Politikerin: „Das könnte und wollte auch von uns keiner. Hier muss eine schnelle Lösung her.“ Die Durchsetzung von Brandschutz sei wichtig, räumt die CDU- Sozialpolitikerin Heidi Menorca ein: „Aber ich hätte mir mehr Sensibilität gewünscht.“ Ein Sofa gehöre in jede Wohnung, sagt Menorca: „Man kann doch nicht alle Stoffe entfernen, um Gefahren zu bannen.“ Bei der Verwendung von Elektrogeräten sollten Geflüchtete besser aufgeklärt werden. „Ich denke, das Ganze wurde sehr unprofessionell gehandhabt“, kritisiert Klaus Jung, Vorstand von „Lumine“, die Behörden.

Das Netzwerk von Ehrenamtlern kümmert sich seit drei Jahren um Flüchtlinge.

Hussein Almasri würde gern so schnell wie möglich aus dem Container in eine Wohnung ziehen. Obwohl er gut Deutsch spricht und in Kürze in Lübeck Informatik studieren will, bekommt er keine Wohnung.

Das geht nicht nur dem 29-jährigen Syrer so. Katja Mentz (GAL) kennt eine Flüchtlingsfamilie, die zu fünft seit fast zwei Jahren in zwei Zimmern im Steinrader Weg lebt und einfach keine andere Bleibe findet. Die Bürgerschaftsabgeordnete: „Wenn der Wohnungsmarkt so bleibt, sitzen die Frau und ihre vier Töchter noch in zwei Jahren dort.“

 Kai Dordowsky

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