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Lübeck Seit 100 Jahren unberührt: Lübecks wilde Wälder
Lokales Lübeck Seit 100 Jahren unberührt: Lübecks wilde Wälder
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19:43 11.08.2018
Im Schattiner Zuschlag sind auch seltene Pilze, Insekten und Vögel zu Hause. 
Lübeck/Schattin

Bereichsleiter Knut Sturm (58) steht auf einem Weg, der im Nirgendwo endet. Einige Hundert Meter führt der Pfad noch in den „Urwald“ hinein, dann verliert er sich zwischen Feldahorn, Hainbuchen, Wildkirschen, Eichen, Buchen oder Bergulmen. Die Fläche ist 43 Hektar groß, das sind ungefähr 60 Fußballfelder. Sie liegt südlich des Dorfes Schattin und heißt Schattiner Zuschlag. Sie befindet sich damit in Mecklenburg- Vorpommern und gehört der Stiftung St. Johannis-Jungfrauenkloster, sie wird aber von der Stadt Lübeck verwaltet.

Der Lübecker Stadtwald hat auf 5000 Hektar nicht nur ein vorbildliches naturnahes Nutzungskonzept. Zu den lübschen Forsten gehören auch urwaldähnliche Flächen wie der Schattiner Zuschlag. Der wilde Wald ist ein Kleinod und liefert zudem neue ökologische und forstwirtschaftliche Erkenntnisse.

„Das Besondere an diesem wilden Wald ist, dass er im Bereich des ehemaligen DDR-Grenzstreifens liegt und seit über 70 Jahren nicht bewirtschaftet wird, in Teilflächen sogar seit mehr als 100 Jahren ohne forstliche Eingriffe wachsen darf“, erklärt der Chef des Stadtwalds Lübeck. „Hier können wir unglaublich viel über die Ökologie des Waldes und die naturnahe Waldwirtschaft lernen.“ Das Waldstück links des Weges erinnert mit zwölf verschiedenen Baumarten unterschiedlichen Alters an einen Bilderbuchwald. „Hier gibt es 250 Jahre alte Buchen ebenso wie sehr junge Bäume, und jede Art bringt ihre eigene Flora und Fauna mit“, erklärt Sturm. Rechts des Weges ein ganz anders Bild. Dort stehen Fichten. Sie sehen alle gleich aus, haben das gleiche Alter. „Diese Plantage stammt noch aus DDR-Zeiten und wurde 1964 aufgeforstet. Reine Monokultur. Aber auch hier beobachten wir gespannt, wie sie sich entwickelt“, sagt Sturm.

Ein nie angetasteter Urwald ist der Schattiner Zuschlag nicht. Solche Wälder gibt es in Norddeutschland schon seit gut 1000 Jahren nicht mehr. Doch die 43 Hektar verfügen über eine große Vielfalt natürlicher Baumarten, die sich ihrem Standort angepasst haben und sich in ihren Entwicklungsphasen abwechseln. „Wir haben lauter Mischbaumarten, die Holzqualität ist hervorragend, und es gibt sehr alte Bäume“, erklärt Sturm. Das sei nicht nur schön, sondern mehr als interessant. „Diese Beobachtung stellt alle bisherigen Erkenntnisse auf den Kopf.“ Denn der Wald habe sich ohne forstwirtschaftliche Eingriffe so entwickelt. Das Fazit des Försters, der seit 2010 Bereichsleiter des Stadtwaldes ist: „Wir müssen unser Berufsbild ändern: vom Macher zum Beobachter werden.“ Die Arbeit der Förster werde damit nicht weniger, nur anders, betont er.

Laut Sturm widersprechen sich wirtschaftliche Aspekte und Naturnähe nicht. „Die Produktivität naturnaher Wälder ist höher“, betont Sturm. Der forstwirtschaftliche Teil des Bereichs vom Stadtwald schreibe seit Jahren schwarze Zahlen, sagt er. Sein Traum: „Wir bewirtschaften den Wald, und er hat es nicht gemerkt.“

Um die Entwicklung des Schattiner Zuschlags genau zu dokumentieren, wird er alle zehn Jahre begutachtet. Rund um über 2000 markierte sogenannte Kontrollstichprobenpunkte herum werden die Bäume auf einer Fläche von 500 Quadratmetern vermessen. Dabei werden Höhe, Durchmesser, Qualität, Alter und der forstwirtschaftliche sowie naturschützerische Zustand bestimmt. Während Sturm das Verfahren erklärt, geht er quer durch den Wald, steigt über Totholz, befühlt Stämme, schaut zu den Kronen hinauf. „Hier fühle ich, wie wunderschön ein Wald sein kann“, sagt er. Er kommt so oft wie möglich hierher: „Waldbaden würden die Japaner sagen.“

Sturm ist nicht nur weltweiter Berater für Entwicklung und Umsetzung naturnaher Waldbewirtschaftungskonzepte. Er will auch den Lübeckern die Schönheit dieses einmaligen Lebensraumes nahebringen.

Regelmäßig bietet der Bereich dazu Führungen in den Wäldern an – auch durch den Schattiner Zuschlag. Insgesamt gehören zum Stadtwald Lübeck acht Referenzflächen mit insgesamt 470 Hektar, die seit 25 Jahren unangetastet bleiben.

Anmeldungen für Führungen durch den Wald unter stadtwald@luebeck.de. Wer den Schattiner Zuschlag selbst erkunden will, kann im Dorf Schattin (Gemeinde Lüdersdorf) parken.

Vorbei am Hof „Alte Zeiten“ geht es zu Fuß etwa zwei Kilometer geradeaus bis in den Wald hinein. Aber Vorsicht, wie in jedem Märchenwald kann man sich verlaufen.

Umweltpreis 2018

Dr. Lutz Fähser und Knut Sturm vom Stadtwald Lübeck sind mit dem B.A.U.M.-Umweltpreis 2018 ausgezeichnet worden. Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management ist ein Netzwerk nachhaltig wirtschaftender Unternehmen. Es zeichnet Unternehmensvertreter, Medienleute und Wissenschaftler aus, die die Nachhaltigkeit in Unternehmen und der Gesellschaft voranbringen. Dr. Lutz Fähser war bis 2009 Leiter des Bereichs Stadtwald, Sturm ist sein Nachfolger.

Vom Glück im Grünen

Waldwunder gibt es viele – in Lübeck, in der Hohen Tatra, auf La Gomera, manche sind versteckt, andere sind gut zugänglich. Der Bild- und Leseband „Waldwunder – Vom Glück, im Grünen zu sein“

(DuMont Reiseverlag, 26,90 €) covert die schönsten Regionen Europas, und Lübecks Stadtwald nimmt dabei natürlich einen besonderen Platz ein.

Cosima Künzel

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